BüroX: Bürokratie neu gedacht für die Bioökonomie
Projektteam
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Department Umweltpolitik
Prof. Dr. Sina Leipold, Leiterin des Departments
Umweltpolitik, Projektleitung
Henry Hempel, wissenschaftlicher Mitarbeiter
Partner
Universität Potsdam, Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Verwaltung und Organisation
Prof. Dr. Sabine Kuhlmann,
Lehrstuhlinhaberin,
Co-Projektleitung
Dr. Justine Marienfeldt, wissenschaftliche
Mitarbeiterin
Laufzeit
08/2026 - 07/2029
Kurzbeschreibung
Wie kann Verwaltung eine zirkuläre Bioökonomie ermöglichen und zugleich Umwelt-, Gesundheits- und Sozialstandards sichern?
Wer Altholz, recycelte Textilfasern oder rückgewonnenen Phosphor nutzen will, stößt bei der EU-Chemikalienverordnung REACH und der EU-Entwaldungsverordnung EUDR mitunter auf langwierige Genehmigungen, unklare Zuständigkeiten oder widersprüchliche Vorgaben. Gleichzeitig wird der Ruf nach Bürokratieabbau lauter. Er kann Verfahren vereinfachen, birgt aber auch Risiken für den Umweltschutz und die demokratische Kontrolle.
BüroX untersucht, wo und warum die Umsetzung von REACH und EUDR mit Wirtschaftsweisen einer zirkulären Bioökonomie kollidiert und wie sich Verfahren entlasten lassen, ohne Schutzstandards zu schwächen. Dabei fragen wir:
• Wie funktionieren Verwaltungsabläufe konkret?
• Welche Konflikte entstehen im Alltag?
• Und wie lassen sie sich besser koordinieren?
Dazu bringt das Projekt Perspektiven aus Behörden, Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen.
Projekt
Ausgangslage
Bürokratieabbau gilt quer durch alle politischen Lager als Schlüssel für schnellere Innovation und Transformation. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass Verwaltung auch Schutz und Steuerung sichert. BüroX nimmt beide Seiten ernst: Bürokratie kann Innovation hemmen, sie kann Standards und Innovation aber auch erst ermöglichen.
Warum REACH und EUDR?
Beide Regelwerke stehen an der Schnittstelle von Umwelt- und Wirtschaftspolitik, betreffen zahlreiche Sektoren der Bioökonomie und gelten in der Praxis als bürokratielastig. Sie unterscheiden sich aber deutlich: REACH ist seit 2007 ein etabliertes Regime mit gefestigten Verwaltungsroutinen, über dessen Reform seit Jahren verhandelt wird. Die EUDR befindet sich dagegen am Beginn ihrer Umsetzung, ihre Verwaltungsstrukturen entstehen gerade erst. Der Vergleich zeigt, wie Bürokratie in unterschiedlichen Phasen von Regulierung entsteht und abgebaut wird.
Unser Ansatz
Politische Erzählungen wie „Bürokratieabbau“, „Überregulierung“ oder „Vorsorgeprinzip“ prägen nicht nur öffentliche Debatten. Sie beeinflussen auch, welche Verfahren als effizient oder notwendig gelten und wie Behörden ihre Spielräume nutzen. BüroX verbindet deshalb die Analyse politischer Narrative mit Verwaltungsforschung und untersucht, wie beides zusammenwirkt.
Was wir unter Bürokratie verstehen
BüroX unterscheidet zwei Seiten von Bürokratie: Bürokratie als Verfahren, also wie Behörden Anträge prüfen, Nachweise verlangen und zusammenarbeiten, und Bürokratie als Regelungsinhalt, also welche Pflichten eine Regulierung selbst auferlegt. Beide hängen zusammen: Verfahren lassen sich gestalten, sind aber durch die Regulierung vorgeprägt, und zwar auf unterschiedlichen Ebenen der Umsetzung. Ob ein Problem als Verfahrens- oder als Regelungsproblem gilt, ist oft selbst umstritten und entscheidet darüber, welche Lösung naheliegt: Verfahren effizienter gestalten oder Regeln abbauen. Hier setzt BüroX an, etwa mit der Frage, warum eine Ausnahme als Vereinfachung gilt und die nächste als Deregulierung.
Methodik
BüroX bearbeitet die Forschungsfragen in einem transdisziplinären, vergleichend angelegten Mixed-Methods-Design über 36 Monate. Kern ist die Verbindung von diskursanalytischer Umwelt-Governance-Forschung (Narrativ- und Diskursanalyse) und Verwaltungsforschung (Implementations- und Rechtstatsachenforschung, Better Regulation). Der gesamte Prozess ist als Ko-Produktion mit einem Advisory Board aus Behörden, Unternehmen und NGOs angelegt.
Forschungsfragen
Aus dem Spannungsfeld zwischen regulatorischer Komplexität (REACH und EUDR), politischem Erwartungsdruck zum Bürokratieabbau und praktischer Umsetzung ergeben sich vier zentrale Forschungsfragen:
1. Wo genau entstehen bürokratische Hürden für eine zirkuläre Bioökonomie?
2. Inwiefern fördern oder behindern administrative Routinen, informelle Praktiken und Behörden-Interaktionen die Umsetzung von REACH und EUDR?
3. Inwieweit beeinflussen politische Narrative und Akteure diese Routinen, Praktiken und Interaktionen, die Bereitschaft zu Veränderungen und die Wahrnehmung der sich daraus ergebenden Chancen und Risiken?
4. Welche Ansätze für Verwaltungsinnovationen und sektorübergreifende Lernprozesse lassen sich daraus ableiten?
Was BüroX erarbeitet
BüroX analysiert erstmals systematisch, wie Verwaltungspraktiken, Bürokratiekosten und politische Narrative die Umsetzung von REACH und EUDR und damit Innovationen der zirkulären Bioökonomie prägen. Daraus entstehen evidenzbasierte, gemeinsam mit der Praxis geprüfte Handlungsempfehlungen zum Abbau bürokratischer Hürden, vier bis fünf begutachtete Fachartikel und zwei Policy Briefs (REACH und EUDR).
Für wen
• Politik: Policy-Narrative Briefings und zwei parlamentarische Abende (REACH, EUDR)
• Verwaltung: Vorschläge für Prozessinnovationen, Vorstellung im Normenkontrollrat und eine Fachpublikation
• Wirtschaft: Strategien zur Senkung von Compliance-Kosten, Workshop-Unterlagen und Social Media
• Übergreifend: zwei Abschluss-Workshops, zwei Kurzvideos und Medienberichte
Vorgehen
BüroX verbindet zwei Forschungsperspektiven: Die Verwaltungsforschung untersucht, wie Behörden REACH und EUDR konkret umsetzen, welche Routinen und informellen Praktiken sich dabei herausbilden und welche Belastungen entstehen. Die Narrativ- und Diskursanalyse untersucht, wie politische Erzählungen über Bürokratie und Regulierung diese Praxis prägen. Grundlage sind Interviews, Dokumentenanalysen und teilnehmende Beobachtung.
Das Projekt ist in fünf Arbeitspakete gegliedert:
1. Kartierung und Auswahl der Praxisbeispiele (UFZ und Universität Potsdam)
2. Verwaltungspraktiken und administrative Interaktionsmuster (Universität Potsdam)
3. Politische Narrative und Aushandlungsprozesse (UFZ)
4. Zusammenführung und Interpretation der Ergebnisse aus beiden Perspektiven
5. Synthese und Stakeholder-Workshops mit Handlungsempfehlungen für Politik, Verwaltung und Unternehmen
Transdisziplinär von Beginn an: Ein Advisory Board aus Wirtschaft, Behörden und Zivilgesellschaft begleitet das Projekt. Es wirkt an der Auswahl der Praxisbeispiele mit, diskutiert Zwischenergebnisse in einem Feedback-Workshop und entwickelt in zwei Abschluss-Workshops (REACH und EUDR) gemeinsam mit uns Vorschläge für Verwaltungsinnovationen.
Aktuelles & Veranstaltungen
BüroX beim BMFTR-Statusseminar TransZirB in Berlin
17. September 2026
Am 17. September 2026 kamen die Verbundprojekte der BMFTR-Fördermaßnahme „TransZirB: Herausforderungen und Erfolgsfaktoren der Transformation zu einer zirkulären Bioökonomie“ (Modul II) auf Einladung des Projektträgers Jülich in Berlin zusammen. Für BüroX waren Prof. Dr. Sabine Kuhlmann und Dr. Justine Marienfeldt (Universität Potsdam) vor Ort. Im Projektvortrag ging es um Fragestellung und Forschungsdesign sowie um erste Ergebnisse der Kartierung: Spannungen zwischen Regulierung und Kreislaufwirtschaft wiederholen sich über Sektoren hinweg, etwa bei gemischten Stoffströmen, einheitlichen Regeln und einheitlichen Kosten. Neben den Vorträgen der sieben Projekte standen der Austausch über Forschungspraxis und die Vernetzung untereinander auf dem Programm.
BüroX auf der ECPR General Conference in Krakau
September 2026
Auf der ECPR General Conference in Krakau stellte Henry Hempel Design und erste Ergebnisse von BüroX vor. Im Mittelpunkt standen die Fallkartierung zu REACH und EUDR und drei Spannungen, die sich über beide Regelwerke hinweg zeigen: gemischte Stoffströme, einheitliche Regeln bei ungleichen Risiken und einheitliche Kosten bei ungleichen Größenordnungen. Die Diskussion im Panel mit Forschenden aus Regulierungs- und Verwaltungswissenschaft gab wichtige Impulse für die nächsten Schritte, etwa zur Fallauswahl und zum Verständnis von Bürokratie.
BüroX auf der SGEU-Konferenz in Catania
Juli 2026
Auf der Konferenz der ECPR Standing Group on the European Union (SGEU) in Catania stellte Henry Hempel das Projekt BüroX erstmals einem internationalen Fachpublikum vor. Im Mittelpunkt stand die Doppelperspektive auf Bürokratie: als Hemmnis und als Ermöglicherin von Umwelt-, Gesundheits- und Sozialstandards sowie von Innovation.
Publikationen
Die ersten Fachartikel und Policy Briefs aus dem Projekt sind in Vorbereitung und werden hier ergänzt, sobald sie erschienen sind.
Förderhinweis
BüroX wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) im Rahmen der Fördermaßnahme „Bioökonomie als gesellschaftlicher Wandel“, Modul II: Herausforderungen und Erfolgsfaktoren der zirkulären Bioökonomie, gefördert (Förderkennzeichen 031B1703A [und FKZ Teilprojekt Potsdam]).