Interview vom 06. November 2025
Blau-grüne Stadtentwicklung: Die neue Realität?
Coaching für den erfolgreichen Transfer in die Praxis
Am 20./21. November kommen Vertreterinnen und Vertreter aus zehn Kommunen zu einem Fachtreffen des vom UFZ koordinierten Projekts "BlueGreen City Coaching" nach Leipzig. Sie erhoffen sich über den Coaching-Ansatz einen neuen Schub zur Umsetzung blau-grüner Infrastrukturen, um sich besser an die Folgen des Klimawandels wie Starkregen und Hitzewellen anzupassen. Der Projektleiter und UFZ-Politikwissenschaftler Dr. Frank Hüesker gibt im Interview Auskunft über das Projekt, den Coaching-Prozess und den Nutzen für die Forschung.
Worum geht es bei dem Projekt "BlueGreen City Coaching"?
Das in diesem Sommer am UFZ beendete Forschungsprojekt "Leipziger BlauGrün" hat sehr positive Rückmeldungen und viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, weil es die Verwaltung der Stadt Leipzig befähigt hat, die Planungen für eine blau-grüne Quartiersentwicklung und damit verbunden konkrete Adaptationsstrategien an die Folgen des Klimawandels voranzutreiben und zu konkretisieren. Dieses Wissen aus der Modellstadt Leipzig wollen wir nun mit dem Nachfolgeprojekt "BlueGreen City Coaching" in die Breite bringen. Das bedeutet, dass wir im Rahmen eines Coachings kommunaler Entscheidungsträger aus zehn Kommunen wissenschaftlich fundierte Strategien für deren ganz konkrete wassersensible Stadtentwicklung erarbeiten. Mit unserer Expertise am UFZ aus der Siedlungswasserwirtschaft, den Politik- und Rechtswissenschaften und der Sozioökonomie wollen wir die Potenziale der Kommunen identifizieren und ihnen helfen, Hürden in der Umsetzung von blau-grünen Infrastrukturen zu überwinden.
Am Projekt nehmen 10 deutsche Städte mit 100.000 bis 300.000 Einwohner:innen teil. Mit welcher Expertise gehen diese Städte ins Projekt?
Beim Coaching dabei sind Aachen, Göttingen, Gütersloh, Herne, Magdeburg, Freiburg, Regensburg, Braunschweig, Darmstadt und Mainz. Die meisten dieser Städte haben bereits Erfahrung und Wissen mit blau-grünen Infrastrukturen gesammelt. Einige gelten als Vorreiter und können zum Beispiel jetzt schon gesamtstädtische Planungen und Strategien für eine wassersensible Stadtentwicklung vorweisen oder sie haben zumindest eine politische Willenserklärung verabschiedet. Trotzdem stoßen sie oft an Grenzen und gelangen nicht so wie erhofft in die Umsetzung. Nun fragen sie nach den Gründen – und wir wollen ihnen helfen, darauf Antworten und Lösungen zu finden.
Was sind typische Probleme der Städte?
Wenn beispielsweise der Umbau eines Bestandsquartiers geplant ist, treten neben wasserwirtschaftlichen Aufgabenstellungen oft Nutzungskonflikte oder Kosten- und Rechtsfragen zutage, die den Prozess in der kommunalen Verwaltung ins Stocken bringen. Ein Problem ist, wie man rechtlich sicher ein Zuviel an Niederschlagswasser in einem Stadtquartier für Trockenzeiten vorhält und es nicht mehr einfach über die Abwasserkanäle wegfließen lässt. So muss beispielsweise juristisch klarer geregelt werden, wie auf einem privaten Grundstück gesammeltes Wasser in eine Versickerungsanlage geleitet werden kann, die sich in einem öffentlichen Park befindet. Diese Rechtsräume muss eine Verwaltung kennen. Bei der Anlage von blau-grünen Infrastrukturen gibt es immer auch Interessenskonflikte zwischen Eigentümer:innen, Nutzenden und lokalen Akteuren, weil Boden- und Immobilienwerte, die Aufenthaltsqualität in Quartieren und das Gemeinwohl beeinflusst werden. Hier müssen die Städte integrative Herangehensweisen entwickeln. Zudem gibt es Kommunen, deren Verwaltung sehr motiviert ist, sich aber von der Politik ausgebremst fühlt. Wir wollen anhand der ganz konkreten lokalen Beispiele gemeinsam herausfinden, wie trotz solcher Hürden Klimaanpassungsmaßnahmen umgesetzt werden können.
Wie wird das UFZ die Kommunen unterstützen?
Die Städte werden in den nächsten beiden Jahren individuell unterstützt und fachlich beraten. Wir haben dafür vier Bausteine definiert: "blau-grüne Infrastrukturplanung", "Recht", "Kosten, Nutzen, Finanzierung" und "Governance". Für diese Bausteine haben wir in einer Coaching-Toolbox Software-, Planungs- und Kartierungswerkzeuge sowie Fachliteratur, Studien und Handbücher zusammengestellt. Für jeden Baustein stehen UFZ-Wissenschaftler:innen sowie Fachleute des Deutschen Instituts für Urbanistik als Coaches zur Verfügung. Sie werden die Städte besuchen und vor Ort eintägige Grundlagenworkshops veranstalten, um dort Sachstand und Lösungsansätze mit Entscheider:innen zu diskutieren und eine Zielvereinbarung für die Projektlaufzeit zu vereinbaren. Im Nachgang stehen die Coaches für Anfragen der Kommunen zur Zielvereinbarung bereit. Für fünf der zehn Städte wird nach den Grundlagenworkshops das Coaching mit stadtspezifisch angepassten Coaching-Methoden intensiviert werden. Zudem veranstalten wir drei interkommunale Fachtreffen zu Fokusthemen. Das erste findet am 20./21. November im UFZ in Leipzig zum Baustein „Recht“ statt.
Was können sich die Kommunen vom Coaching-Prozess erhoffen?
Wir sind keine Consultants, die fertige Konzepte an die Kommunen verkaufen. Vielmehr bieten wir im Rahmen unserer Transferaktivitäten ein wissenschaftsbasiertes Coaching an. Wir statten die Verwaltungen mit konkretem Wissen und unseren Erfahrungen aus, die sie mit eigenen Ideen und Vorarbeiten abgleichen und für die interne Strategieentwicklung nutzen können. An den Coachings nehmen zum Beispiel kommunale Verantwortliche für Grünflächen, Umwelt, Klima, Verkehr oder Siedlungswasser teil – vom Bürgermeister, der Amtsleiterin, dem Beigeordneten, der Dezernentin bis zur Klimaanpassungsmanagerin. Sie erhalten von uns die notwendige Expertise, um vor Ort Widerstände zu durchbrechen oder Hemmnisse zu überwinden. Dazu werden Materialien eingesetzt, die wir im Rahmen unserer Forschungsarbeit in den vergangenen Jahren entwickelt und zusammengetragen haben. Der Bericht zur "Wassersensiblen Stadtentwicklung in Leipzig" ist unter anderem dabei, der auch eine Mustervorlage zur Regelung des Wassertransfers zwischen Stadt und Privateigentümern enthält. Zu finden ist dort auch eine Checkliste zur wassersensiblen Stadtentwicklung als Prüfkatalog für Stadtentwicklungsämter. Unser Motto ist: Die blau-grüne Stadtentwicklung ist möglich und sollte zur Normalität werden.
Und wie profitiert die UFZ-Forschung davon?
Das UFZ hat den Anspruch formuliert, wissenschaftliche Ergebnisse aus komplexen Aufgabenstellungen im Sinne eines Erarbeitens von Lösungen umzusetzen (Solution Labs). Wir wollen zeigen, dass interdisziplinäre Forschungsergebnisse stadtspezifisch angepasst und transferiert werden können. Sozialwissenschaftlich basierte Coaching-Methoden helfen uns dabei. Die "BlueGreen City Coaching-Toolbox" wird so weiterentwickelt, dass andere Städte sie an ihren Standort anpassen und nutzen können. Sie wird öffentlich zugänglich sein und in Zukunft die Basis weiterer Helmholtz-Forschung sein. Ein zentrales Erkenntnisinteresse sind die Erfahrungen, die wir im vor uns liegenden Coachingprozess darüber sammeln, wie Kommunalpolitik im Prozess der Anpassung an den Klimawandel funktioniert.
Das auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt des Umweltbundesamts BlueGreen City Coaching wird vom ?BMUV? aus Mitteln des Aktionsprogramms Natürlicher ?Klimaschutz? (ANK) gefördert und vom UFZ in Kooperation mit Fresh Thoughts und dem Deutschem Institut für Urbanistik umgesetzt. Es wird aktiv unterstützt vom Zentrum Klimaanpassung und dem Deutschen Städtetag.
Weitere Informationen
Dr. Frank Hüesker
Department Systemische Umweltbiotechnologie
frank.hueesker@ufz.de
Prof. Dr. Roland A. Müller
Leiter UFZ-Department Systemische Umweltbiotechnologie
roland.mueller@ufz.de
UFZ-Pressestelle
Susanne Hufe
Telefon: +49 341 6025-1630
presse@ufz.de
Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt und erarbeiten Lösungsoptionen. In sechs Themenbereichen befassen sie sich mit Wasserressourcen, Ökosystemen der Zukunft, Umwelt- und Biotechnologien, Chemikalien in der Umwelt, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg circa 1.100 Mitarbeitende. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.
www.ufz.deDie Helmholtz-Gemeinschaft identifiziert und bearbeitet große und vor allem drängende Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Ihre Aufgabe ist es, langfristige Forschungsziele von Staat und Gesellschaft zu erreichen. Damit sollen die Lebensgrundlagen der Menschen erhalten und sogar verbessert werden. Helmholtz besteht aus 19 naturwissenschaftlich-technologischen und medizinisch-biologischen Forschungszentren.
www.helmholtz.de