Pressemitteilung vom 11. November 2005
"Die Welt ist nicht genug"
Realistische Modelle agentenbasierter Systeme eröffnen neue Möglichkeiten
Leipzig. Ein internationales Wissenschaftlerteam hat eine neue Strategie entwickelt, um agentenbasierte Systeme aller Art ausreichend realistisch abzubilden und so mit Hilfe von Computermodellen Entwicklungen zu verstehen und vorherzusagen. Die Wissenschaftler um den Ökologen Volker Grimm vom Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (UFZ) stellen diese Form der Modellierung in der neuesten Ausgabe des renommierten Wissenschaftsmagazins "Science" (Vol. 310, Nr. 5750 vom 11. November 2005) vor. Die musterorientierte Modellierung sei nicht nur in der Umweltforschung einsetzbar, sondern überall dort, wo agentenbasierte komplexe Systeme existieren, also beispielsweise auch in Finanzmärkten, der Verkehrs- oder Stadtplanung.

Simulierter Fischschwarm
Foto: Hanno Hildenbrandt, Groningen
Homepage Hanno Hildenbrandt

Tropenwald
Foto: Dr. Andreas Huth/UFZ

Simulation eines Tropenwaldes im Computermodell
Quelle: Dr. Andreas Huth/UFZ

Tollwutfälle 1989 in Mitteleuropa
Quelle: TSN - FLI Wusterhausen

Tollwutsituation in Mitteleuropa heute.
Mit Hilfe der Tollwutmodellierung lässt sich die beste Bekämpfungsstrategie ermitteln und untersuchen, wie viele Impfköder überhaupt notwendig sind.
Inzwischen ist die Tollwut in Deutschland fast ausgerottet.
Quelle: TSN - FLI Wusterhausen
James Bond als Vorbild
Sie sind überall: Kunden im Supermarkt, Makler an der Börse oder Bäume im Wald – Agenten. Diesen Begriff haben Wissenschaftler eingeführt, um Individuen aller Art zu beschreiben und modellierbar zu machen, damit Prozesse in Natur oder Gesellschaft besser verstanden werden. Beim Wort Agent denken viele an James Bond, den Geheimagenten im Dienste ihrer Majestät. Was macht aber 007 überhaupt zu einem Agenten? "Er hat einen Auftrag, aber wie er diesen Auftrag erfüllt, ist ihm selbst überlassen. Er ‚agiert’ autonom und passt seine Entscheidungen den jeweiligen Umständen an. Und das ist es, was wir auch für die Agenten der Ökologie annehmen, die einzelnen Organismen. Sie haben den Auftrag ihre Gene weiterzugeben, also möglichst viele überlebende Nachkommen zu erzeugen", sagt Dr. Volker Grimm. "Aber die Organismen müssen selbst entscheiden, wie sie ihr Ziel erreichen: Bin ich hungrig, dann muss ich das Risiko in Kauf nehmen, bei der Nahrungssuche gefressen zu werden. Bin ich satt, dann bleibe ich lieber in Sicherheit." Allen Agenten, ob James Bond, Autofahrer oder Braunbär, ist gemeinsam, dass sie diskrete autonome Einheiten sind, die ein Ziel verfolgen und die ihre Entscheidungen an ihre Umgebung anpassen.
Ohne Regelmäßigkeiten keine Wissenschaft
Agentenbasierte Systeme sind meist so komplex, dass sie nur in einzelnen Aspekten beschreibbar sind. Niemand ist beispielsweise in der Lage, die komplette
Entwicklung einer Millionenmetropole mit allen sozialen und ökonomischen Aspekten im Computer zu simulieren. Einzelne Aspekte wie beispielsweise der
Wasserverbrauch dagegen sind in Modellen darstellbar. Doch wie überall im Leben stecken auch hier die Tücken im Detail. Modelle sind nur dann wirklich brauchbar,
wenn sie nicht zu komplex sind. Schon Albert Einstein soll gesagt haben: "Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden, aber nicht einfacher". Gerade
Sozialwissenschaftler hätten aber oft Skrupel, den Menschen einfach zu beschreiben, meint Volker Grimm. Dies führt zu Modellen, die entweder schwer zu
durchschauen sind oder aber so abstrakt, dass ihr Bezug zur Realität unklar bleibt. Die in dem Science-Artikel beschriebene neue Strategie führt zu Modellen,
die realistisch sind und trotzdem einfach genug, um verstanden zu werden.
Der Gebrauch von Mustern ist ein Weg, sich auf die notwendigsten Informationen über die interne Organisation komplexer Systeme zu konzentrieren. Muster sind
Beobachtungen aller Art, die nichtzufällige Strukturen zeigen und deshalb Informationen enthalten über die Mechanismen, aus denen sie entstehen. Komplexe
Systeme enthalten Muster auf verschiedenen hierarchischen Ebenen und Skalen. In Ökosystemen lassen sich beispielsweise Muster in Artenzusammensetzung,
räumlichen Strukturen oder dem Verhalten individueller Organismen beobachten. "Wissenschaft fängt dann an, wenn ich irgendeine Regelmäßigkeit sehe. Wenn
komplexe Systeme einfach nur komplex und chaotisch wären, dann könnte ich keine Wissenschaft komplexer Systeme machen. Wir müssen nur lernen, die Muster
zu sehen. Das Besondere bei komplexen Systemen ist, dass es dort nicht mehr ausreicht, sich nur auf ein einziges Muster zu konzentrieren." Es kommt also
darauf an, nicht nur den Wald vor lauter Bäumen zu sehen, d.h. die Muster zu erfassen, die den Wald kennzeichnen, sondern auch umgekehrt die Bäume vor lauter
Wald zu sehen und ihr Verhalten angemessen zu beschreiben.
Bäume als Agenten
Ein Beispiel für solche Modelle ist ein simulierter Urwald. Niemand weiß, wie die Urwälder aussahen, die die Germanen einst vorfanden. Ursprüngliche Wälder
gibt es im heutigen Deutschland nicht mehr. Doch wie lassen sich Wälder gestalten, die ihrem Original möglichst ähneln? Und wie sollte eine möglichst naturnahe
Bewirtschaftung aussehen? Fragen, die mit einem Praxisexperiment nur schwer zu beantworten sind. Immerhin dauert ein kompletter Zyklus von Heranwachsen, Gedeihen
und Verfallen im Buchenwald rund 250 Jahre. Computermodelle können dieses Dilemma lösen: Muster aus Resturwäldern in der Slowakei sowie das reichhaltige
Erfahrungswissen der Förster über das Schicksal einzelner Buchen wurden verwendet, um ein einfaches und doch realistisches Buchen-Urwaldmodell zu entwickeln.
Der Aufwand für das Entwickeln und Testen derartiger Modelle kann, wie zum Beispiel im Fall eines Modells für artenreiche Tropenwälder, erheblich sein und
Jahre in Anspruch nehmen. Aber es lohnt sich. "Wir verwenden die überprüften Modelle als virtuelle Laboratorien", erzählt Grimms Kollege Dr. Andreas Huth.
"Beim Tropenwaldmodell können wir so mit der gedachten Kettensäge alle 10, 20 oder 30 Jahre durch den Modellwald gehen und einen bestimmten Prozentsatz der
Bäume ernten, und dann schauen wir einfach, wie der Wald darauf reagiert. So finden wir heraus, wie man den Wald nachhaltig bewirtschaften kann, so dass auch
künftige Generationen ihn nutzen können, sei es für Holz oder andere Zwecke." Musterorientierte Modelle haben die Wissenschaftler des UFZ auch entworfen, um
die Ausbreitung der Braunbären in Österreich, die Wiedereinbürgerung des Luchses in Deutschland, oder die Tollwutgefahr durch infizierte Füchse vorherzusagen.
Bei der Tollwutmodellierung geht es beispielsweise darum, die beste Bekämpfungsstrategie zu ermitteln und zu untersuchen, wie viele Impfköder überhaupt notwendig
sind. Inzwischen ist die Tollwut in Deutschland fast ausgerottet. Trotzdem besteht die Gefahr, dass sie durch infizierte Füchse aus den Nachbarländern wieder
eingeschleppt werden kann. Auch in Osteuropa sollen in den nächsten Jahren die Füchse per Köder geimpft werden. Per Computermodell wollen die UFZ- Wissenschaftler
deshalb testen, wie das am kostengünstigsten geschehen kann.
Eine neue Systemtheorie?
"Es gab immer wieder Versuche, eine allgemeine Systemtheorie aufzustellen. Diese waren oft von stark vereinfachenden mathematischen Ansätzen geprägt."
Für agentenbasierte Systeme sei dieser Ansatz zu unflexibel, meint Volker Grimm, der die neue Strategie als Vorbild sieht: "Es ging uns darum, über den
ökologischen Tellerrand hinauszuschauen und zu Kollegen aus anderen Wissenschaftsdisziplinen zu sagen: Wir haben eine Strategie. Sie kann auch bei Systemen
mit menschlichen Agenten zu Modellen führen, die das innere Gerüst dieser Systeme offen legt, so dass wir sie besser verstehen und steuern können." Im Hinblick
auf eine allgemeine Theorie agentenbasierter Systeme ist Grimm optimistisch: "Die muster-orientierte Modellierung fasst gerade erst Fuß und wir erwarten eine
schnelle Entwicklung in der Zukunft." Wahrscheinlich muss für eine neue Systemtheorie unsere Vorstellung von "Verstehen" modifiziert werden. Die amerikanischen
Sozialwissenschaftler Epstein und Axtell jedenfalls vermuteten schon 1996, dass wir eines Tages vielleicht die Frage: "Kannst du es erklären?" interpretieren
werden als "Can you grow it?", das heißt, sind wir in der Lage, das zu Erklärende im Computer "wachsen" zu lassen? Musterorientiertes Modellieren wird
entscheidend zu diesem "wachsen lassen" virtueller Welten beitragen.
James Bond sei dank.
Tilo Arnhold
Weitere fachliche Information über:
Dr. Volker Grimm
Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (UFZ)
Telefon: 0341-235-2903
E-mail: volker.grimm@ufz.de
www.ufz.de/index.php?de=3679
oder über
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ
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