Statement vom 03. November 2026

Der Welt helfen keine neue Klimaversprechen, sondern echte Ergebnisse beim Klimaschutz

COP31: UFZ-Klimaökonom Reimund Schwarze analysiert die Ausgangslage

Der kommende Weltklimagipfel kann ein wichtiger Schritt werden, um von klimapolitischen Ankündigungen endlich in eine wirksame Umsetzung zu gelangen. "Nicht neue Versprechen, sondern überprüfbare Ergebnisse werden gebraucht," sagt Prof. Reimund Schwarze vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Wenn die nicht kommen – dann droht ein weiterer Gipfel, auf dem wissenschaftliche Erkenntnisse zwar anerkannt, politische Konsequenzen aber erneut vertagt werden.

Der Weltklimagipfel COP31 in Antalya (Türkei) findet in einer Zeit statt, in der die internationale Klimapolitik zunehmend von einer Vertrauenskrise geprägt ist. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Risiken des Klimawandels verdichten sich weiter, dennoch bleibt die Umsetzung vieler bereits beschlossener Klima-Maßnahmen deutlich hinter dem zurück, was erforderlich ist. Mit den bisherigen Zusagen und Maßnahmen wird die Weltgemeinschaft ihre Klimaziele verfehlen. Das machte der aktuelle Emissions Gap Report des UNEP erneut klar.

So gilt eine zeitweilige Überschreitung der 1,5-Grad-Schwelle im kommenden Jahrzehnt als wahrscheinlich. Umso entscheidender ist es, den Temperaturanstieg so weit wie möglich zu begrenzen, Dauer und Ausmaß einer Überschreitung zu minimieren. Es kommt buchstäblich auf jedes Zehntelgrad an. Zugleich müssen wir, um die Voraussetzungen für eine spätere Rückkehr unter die 1,5-Grad-Grenze zu erhalten, vor allem natürliche CO2-Senken schaffen.

Jetzt sind weniger neue medienwirksame politische Schlagzeilen nötig als konkrete Fortschritte bei der Umsetzung des Pariser Klima-Abkommens. Gerade die COP31 wird daran zu messen sein, ob die Staatengemeinschaft bereit ist, ihre bisherigen Zusagen glaubwürdig einzulösen. Nicht neue Versprechen, sondern überprüfbare Lieferungen von Ergebnissen werden über Erfolg oder Misserfolg des Gipfels entscheiden.

Wissenschaft als Grundlage politischen Handelns

Ein erster Maßstab für den Erfolg der COP31 wird sein, ob die Staaten bereit sind, die aktuelle Klimawissenschaft tatsächlich ins Zentrum ihrer Entscheidungen zu stellen. Die kategorische Forderung der Pariser „High Ambition Coalition“, sich klar hinter die Wissenschaft zu stellen, ist inzwischen nur noch ein symbolischer Appell angesichts der Schwächung des Klimaabkommens durch den Austritt der USA und der fehlenden Bereitschaft Chinas, hier eine Führungsrolle zu übernehmen.

Die Verhandlungen in Antalya sollen auch den Startschuss geben für die zweite globale Bestandsaufnahme (GST 2). Diese soll bis zur COP33 im Jahr 2028 überprüfen, ob und wie global die Ziele des Pariser Abkommens erfüllt werden, konkret bei der Treibhausgas-Minderung, der Klimaanpassung und der Klimafinanzierung. Der GST 2 muss sich an den neuesten Erkenntnissen des Weltklimarats im siebten Berichtszyklus (AR7) orientieren können, dessen Abschlussbericht dazu um ein Jahr vorgezogen werden müsste. Allerdings reicht die Verteidigung der Wissenschaft allein nicht aus. Entscheidend ist, ob Regierungen die politischen Konsequenzen aus den wissenschaftlichen Befunden ziehen. Das heißt insbesondere: Zwar ist anzuerkennen, dass das 1,5-Grad-Ziel zunehmend außer Reichweite gerät, es muss jedoch weiterhin als handlungsleitender Referenzpunkt dienen. Auf der COP31 sollte deshalb ein realistischer politischer Rahmen geschaffen werden, der eine begrenzte überkritische Erderwärmung anerkennt, zugleich aber den Pfad zurück zu einer Stabilisierung des Klimasystems beschreibt.

Klimafinanzierung bleibt der entscheidende Konfliktpunkt

Wichtigster Verhandlungsstrang in Antalya wird erneut die Klimafinanzierung sein. Das neue globale Ziel, ab 2035 jährlich 300 Milliarden US-Dollar zur Klimafinanzierung bereitzustellen, stellt einen Fortschritt gegenüber früheren Zusagen dar. Gleichzeitig besteht unter Wissenschaftler:innen, insbesondere in der Independent High-Level Expert Group on Climate Finance (IHLEG), weitgehende Einigkeit, dass dieser Betrag zum einen nicht dem tatsächlichen Bedarf entspricht, zum anderen gegenwärtig nicht einmal annähernd zu erkennen ist, wie diese Summe mobilisiert werden soll. Ohne eine glaubwürdige Finanzarchitektur droht die COP31 als Misserfolg wahrgenommen zu werden. Zu stärken sind insbesondere drei Bereiche: eine Erhöhung der öffentlichen Mittel für Anpassung, eine bessere Zugänglichkeit zu bestehenden Fonds sowie mehr Transparenz und Verlässlichkeit bei Finanzierungszusagen. Besonders problematisch bleibt, dass wichtige Geberländer wie Deutschland hinter ihren eigenen Verpflichtungen bei der Klimafinanzierung zurückbleiben. Auch die fehlende Bereitschaft der EU, in ihrer COP31-Strategie neue Finanzzusagen zu geben, dürfte auf erhebliche Kritik vieler Entwicklungs- und Schwellenländer stoßen. Denn: Nur eine ausreichende Finanzierung kann eine Brücke schlagen zwischen ehrgeizigen Klimazielen und ihrer Umsetzung. Ohne genügend Mittel bleiben nationale Klimapläne, Anpassungsmaßnahmen und Emissionsminderungen weitgehend Theorie.

Anpassung und Resilienz stärker in den Mittelpunkt rücken

Ein weiterer Prüfstein für den Erfolg der COP31 wird der Umgang mit dem Global Goal on Adaptation (GGA), dem globalen Anpassungsziel, sein. Auf dem Klimagipfel im Jahr 2025 im brasilianischen Belém wurden dazu 59 Indikatoren („Belém Adaptation Indicators“) sowie weitere Rahmenbedingungen beschlossen. Allerdings sind die Verhandlungen darüber festgefahren, nach welchen Indikatoren und Messgrößen Klimaanpassung bewertet wird. Gleichzeitig nehmen die Klimarisiken rapide zu. Vom Klimawandel besonders gefährdete Staaten benötigen in erster Linie nicht bessere Messgrößen, sondern vor allem mehr Unterstützung bei der Umsetzung. Anpassung darf auch nicht länger als Nebenschauplatz der Klimapolitik betrachtet werden. Angesichts zunehmender Extremereignisse wird Resilienz zu einer zentralen Voraussetzung für wirtschaftliche Stabilität, gesellschaftliche Sicherheit und nachhaltige Entwicklung. Deshalb sollte die COP31 ein deutliches Signal senden, dass Resilienz und Anpassung gleichrangig neben der Emissionsminderung stehen.

Clean Electrification als möglicher politischer Kompromiss

Ein möglicher politischer Kompromiss zeichnet sich für die COP31 im Bereich der Elektrifizierung ab. Während die Verhandlungen über einen vollständigen Ausstieg aus fossilen Energieträgern weiterhin politisch umkämpft sind, gewinnt die beschleunigte Elektrifizierung auf Basis von „clean energy“, also sauberer Energie, international an Bedeutung. Vor dem Hintergrund der besonderen Konstellation – türkische Präsidentschaft und australische Verhandlungsführung – soll auf der COP31 die Diskussion über saubere Energie, Elektrifizierung und widerstandsfähige Infrastrukturen vorangetrieben werden. Auch die Europäische Union betont die Bedeutung einer beschleunigten Energiewende. Daraus könnte ein politisch tragfähiger Ansatz entstehen: „Clean Electrification“ (Grüne Elektrifizierung). Darunter kann ein gemeinsamer Transformationspfad verstanden werden, der den Ausbau erneuerbarer Energien, Energieeffizienz und Versorgungssicherheit miteinander verbindet. Das würde die laufende Auseinandersetzung über eine konkrete Formulierung des nötigen Ausstiegs aus fossilen Energien zwar nicht ersetzen, könnte aber zusätzliche Handlungsspielräume eröffnen und echte Fortschritte ermöglichen. Ihren klimapolitischen Nutzen entfaltet die Elektrifizierung von Industrie, Verkehr und weiteren Wirtschaftsbereichen vor allem dann, wenn der Strom zunehmend aus erneuerbaren Quellen stammt und Energie effizient eingesetzt wird.

Zukunft des Mitigation Work Programme

Weniger öffentlich sichtbar, aber für die Zukunft der internationalen Klimapolitik unter Umständen besonders folgenreich, ist der Konflikt um das Mitigation Work Programme (MWP). Das ist das Arbeitsprogramm, um die tatsächliche Minderung der Treibhausgas-Emissionen voranzubringen. Dieses Programm steht auf dem Gipfel in Antalya zur Überprüfung an. Dabei stellt sich die grundsätzliche Frage, ob die UN-Klimarahmenkonvention einen eigenen politischen und technischen Prozess benötigt, um die weltweiten Anstrengungen zur Emissionsminderung voranzutreiben. Sich in diesem Sinn über die Ausgestaltung des Mitigation-Programms zu einigen, gelang den Staaten bei den Zwischen-Klimaverhandlungen in Bonn im Juni 2026 nicht.

Damit ist eine zentrale Frage für die COP31 weiter offen: Soll das MWP zu einem Instrument werden, das zusätzliche Anstrengungen beim Klimaschutz fördert? Oder soll es sich – wie bisher – vor allem auf den Austausch über die Realisierung bestehender nationaler Klimabeiträge konzentrieren? Deutschland kommt hierbei eine besondere Rolle zu. Deutschland und Indien sind auf der COP31 als politische Partner für zusätzliche Gespräche zu Fragen der Emissionsminderung vorgesehen. Ziel muss sein, das Mitigation-Programm eng mit den Ergebnissen der neuen Bestandsaufnahme (Global Stocktake) zu verknüpfen, die Rückkehr zum 1,5-Grad-Ziel stärker zu berücksichtigen sowie einzelne Sektoren wie Verkehr ins Visier zu nehmen. Das MWP könnte so ein Instrument werden, um die globalen Anstrengungen beim Klimaschutz am Leben zu erhalten und die Transformation von Energie, Industrie und Verkehr voranzubringen. Indien vertritt in dieser Frage eine andere Position. Aus der Sicht Indiens und der Gruppe der Like-Minded Developing Countries (LMDC) darf das MWP keine neuen Minderungsverpflichtungen schaffen oder die Klimaziele zusätzlich verschärfen. Im Mittelpunkt sollten die Unterstützung bei der Umsetzung bestehender nationaler Klimabeiträge (NDCs) sowie der Zugang zu Finanzmitteln und zum Technologietransfer stehen. Eine enge Verknüpfung des Programms mit den Ergebnissen des Global Stocktake wird von dieser Ländergruppe kritisch gesehen, weil so zusätzlicher Minderungsdruck auf Schwellen- und Entwicklungsländer entstehen könnte. China stellt seinerseits beim MWP die Emissionsminderung in einen größeren Zusammenhang mit wirtschaftlicher Entwicklung, Energieversorgung, ökologischen Fragen und Ernährungssicherheit. Das Land fordert von den Industrieländern eine stärkere Mobilisierung finanzieller Mittel und mehr Unterstützung für die Entwicklungsländer. Der Gegensatz von Deutschland und der EU auf der einen sowie von Indien und China auf der anderen Seite dürfte die Debatte über die Zukunft des MWP prägen. Für Deutschland wird die politische Kunst darin bestehen, seine Ambitionen bei der Emissionsminderung mit einem glaubwürdigen Angebot zur internationalen Zusammenarbeit zu verbinden.

Fazit

Alles in allem wird der Erfolg der COP31 nicht daran gemessen werden, wie viele neue Erklärungen verabschiedet werden. Entscheidend ist, ob die Staaten die großen ungelösten Fragen endlich in umsetzbare, finanzierte und überprüfbare Entscheidungen übersetzen.

Den Ausschlag dafür geben insbesondere vier Punkte:

  • Erstens muss eine ausreichende Klimafinanzierung die Grundlage schaffen, um die globalen Klimaziele glaubwürdig umzusetzen.
  • Zweitens gilt es, durch den Klimawandel besonders gefährdete Gemeinschaften bei der Klimaanpassung und dem Aufbau von Resilienz zu unterstützen.
  • Drittens kann die Clean Electrification zu einem pragmatischen Transformationspfad für die globale Energiewende entwickelt werden.
  • Viertens schließlich braucht das Mitigation Work Programme (MWP) der UN eine neue Zukunft.

Erzielt die Staatengemeinschaft in diesen vier Punkten substanzielle Fortschritte, kann die COP31 ein wichtiger Schritt werden, um von klimapolitischen Ankündigungen endlich in eine wirksame Umsetzung zu gelangen. Wenn nicht – dann droht uns ein weiterer Klimagipfel, auf dem wissenschaftliche Erkenntnisse anerkannt, politische Konsequenzen aber erneut vertagt werden.

Prof. Dr. Reimund Schwarze (UFZ-Klimaökonom) und Professor an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Seit mehr als 20 Jahren untersucht er internationale Klimaverhandlungen aus politisch-ökonomischer Perspektive und entwickelt Modelle zur Verbesserung der globalen Klimapolitik.
Er wird zwischen dem 15.und 21.11.2026 auf der COP31 in Antalya vor Ort sein, steht aber ab sofort als Ansprechpartner zur Verfügung.

Dr. Friedrich Bohn (UFZ-Waldmodellierer) ist ebenso zwischen dem 15. und 21.11.2026 auf der COP31 in Antalya vor Ort und für Jornalist:innen ansprechbar. Seine thematischen Schwerpunkte: Ökosystemprozesse, Wald, TAFF-Prozess (Transitioning Away from Fossil Fuels) mit Link zur Biodiversität.

 

 


Weitere Informationen

Prof. Dr. Reimund Schwarze
UFZ-Department Ökonomie
reimund.schwarze@ufz.de

Dr. Friedrich Bohn
UFZ-Department Ökologische Systemanalyse
friedrich.bohn@ufz.de

UFZ-Pressestelle

Susanne Hufe
Telefon: +49 341 6025-1630
presse@ufz.de


Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt und erarbeiten Lösungsoptionen. In sechs Themenbereichen befassen sie sich mit Wasserressourcen, Ökosystemen der Zukunft, Umwelt- und Biotechnologien, Chemikalien in der Umwelt, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg circa 1.100 Mitarbeitende. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

www.ufz.de

Die Helmholtz-Gemeinschaft identifiziert und bearbeitet große und vor allem drängende Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Ihre Aufgabe ist es, langfristige Forschungsziele von Staat und Gesellschaft zu erreichen. Damit sollen die Lebensgrundlagen der Menschen erhalten und sogar verbessert werden. Helmholtz besteht aus 19 naturwissenschaftlich-technologischen und medizinisch-biologischen Forschungszentren.

www.helmholtz.de
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