Pressemitteilung vom 19. Oktober 2026

Biodiversität als Wirtschaftsfaktor 

Wie Artenvielfalt Unternehmen und Produktion beeinflusst

Viele Konzerne und Banken haben bereits erkannt, dass Biodiversität Grundlage des wirtschaftlichen Handelns ist. Die Politik hinkt jedoch hinterher und lässt Subventionen fließen, die der Natur schaden, schreiben Katrin Böhning-Gaese und Stefanie Eichiner in ihrem Standpunkt. Gefragt seien klare Anreize, die naturverträgliches Wirtschaften lohnend machen, statt es gegen Wettbewerbsfähigkeit auszuspielen. 

<p>Katrin Böhning-Gaese und Stefanie Eichiner</p> Foto: André Künzelmann / Peter Kiefer / Pfleiderer

Katrin Böhning-Gaese und Stefanie Eichiner


Foto: André Künzelmann / Peter Kiefer / Pfleiderer

Der Sommer hatte es in sich. Ein Hitzerekord jagte den nächsten. Und mit ihnen trocknete Deutschland aus: Niedrigwasser in der Elbe, der Rhein nicht mehr schiffbar, Bodensee auf historischem Rekordtief, Fahrausfälle bei der Weißen Flotte in Dresden. So oder ähnlich lauteten die Schlagzeilen.

Dies hatte weitreichendere Folgen als verpasste touristische Bootsfahren: Weil Wasserstraßen nicht ausreichend befahrbar waren, klagten Firmen über Lieferengpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten. Die Landwirtschaft verzeichnete Ernteausfälle. Die Industrie hatte zu wenig Kühlwasser.

All das zeigt: In Zeiten des Klimawandels kann Wasser selbst in gemäßigten und eigentlich wasserreichen Regionen knapp werden, zumal der Wasserkreislauf nach den jüngsten Prognosen der Weltorganisation für Meteorologie künftig noch instabiler wird.

Natur als Risikopuffer

Umso wichtiger ist die Erhaltung von Natur. Natürliche Ökosysteme wie Moore, Auen, Sümpfe und Wälder speichern Feuchtigkeit. Bei Trockenheit geben sie einen Teil davon wieder ab und können so landwirtschaftliche Flächen und Schifffahrtsstraßen länger mit Wasser versorgen. Außerdem entfalten sie eine kühlende Wirkung auf ihre Umgebung, weil Vegetation Wasser verdunstet – in Hitzezeiten besonders wertvoll.

Das alles funktioniert aber nur, wenn ausreichend intakte Natur vorhanden und vor allem, wenn sie möglichst biodivers ist. Dann können Ökosysteme Zeiten des Wassermangels abmildern, Böden fruchtbar halten und dafür sorgen, dass sich die Natur nach Bränden, Stürmen oder Überschwemmungen schnell wieder regeneriert. Die Biodiversität ist so etwas wie ein Maschinenraum. Je höher die Artenvielfalt, desto robuster und resilienter sind Ökosysteme und umso besser und stabiler können sie ihre Leistungen – für uns Menschen – erbringen.

Weit mehr als eine Kulisse

Umgekehrt wird der fortgesetzte Verlust an Biodiversität die Risiken für die Wirtschaft stetig weiter erhöhen. Nach Angaben des Weltwirtschaftsforums (WEF) hängt mehr als die Hälfte des globalen Bruttosozialprodukts, rund 44 Billionen US-Dollar, von der Natur ab. Sind ihre Leistungen nicht mehr im gewohnten Maß verfügbar, macht sich das direkt bei den Unternehmen bemerkbar.

Auch die Unternehmensberatung McKinsey kommt zu dem Schluss, dass Agrarrohstoffmärkte deutlich volatiler und weniger vorhersehbar geworden sind und nennt als wichtigen Grund Naturrisiken. Zuletzt zeigte sich das beispielsweise bei Kaffee und Kakao, deren Preise deutlich stiegen.

Schokoladenhersteller spürten das sofort, und in der Folge auch die Bürgerinnen und Bürger in ihren Geldbeuteln. Besonders für rohstoffabhängige Unternehmen, aber nicht nur für sie, werden Versorgungssicherheit, Preisstabilität und Risikomanagement zu strategischen Wettbewerbsfaktoren.

Selbst Zentralbanken sind mittlerweile alarmiert. Einer Studie der Europäischen Zentralbank zufolge sind in Europa gut zwei Drittel der Firmen außerhalb des Finanzsektors in hohem Maß auf Leistungen von Ökosystemen angewiesen. Bei zunehmendem Niedergang der Natur hätten sie mit „kritischen wirtschaftlichen Problemen“ zu kämpfen, heißt es dort. Dies stelle ein ernstzunehmendes Finanzstabilitätsrisiko dar.

Biodiversität ist also längst kein Umweltthema mehr, sondern ein harter Wirtschaftsfaktor. Oder wie die Wirtschaftsprüfergesellschaft PwC schreibt: „Natur ist weit mehr als eine Kulisse für wirtschaftliches Handeln.“

Immer mehr Unternehmen erkennen das. In der Zwischenzeit gibt es auch viele konkrete Beispiele, wie naturschonendes Wirtschaften unternehmerische Risiken und Kosten mindern und Gewinne erhöhen kann.

Wichtige Voraussetzung fürs Wirtschaften

Unilever, eines der weltweit größten Konsumgüterunternehmen, berichtet beim Tomatenanbau von geringerem Ressourceneinsatz bei gleichzeitig höheren Erträgen. Beim Baustoffhersteller Knauf wird Biodiversität zur Frage von Flächenmanagement, Compliance und Reputation im Gipsabbau, während die Allianz Versicherung Naturverlust bereits als finanzielles Risiko für Unternehmen, Lieferketten und das eigene Anlageportfolio untersucht.

BNP Paribas macht daraus inzwischen ein Geschäft: Im Jahr 2024 finanzierte die Bank Unternehmen, die zum Schutz von Biodiversität beitragen, mit 5,4 Milliarden Euro.

Ähnlich verhält es sich bei Lieferketten. Unternehmen wie Rewe, Nestlé, Ritter Sport oder Pfleiderer betrachten Biodiversität zunehmend als Voraussetzung für die langfristige Verfügbarkeit ihrer wichtigsten Rohstoffe.

Die Logik ist einfach: Wer in ökologische Stabilität investiert, reduziert Risiken durch Hitze, Dürren, Ernteausfälle, Schädlingsbefall, Rohstoffknappheit oder geopolitische Abhängigkeiten – und spart später höhere Kosten.

Inzwischen eine Boombranche

Hinzu kommt, dass innovative Umwelt- und Klimatechnologien selbst auch erhebliche wirtschaftliche Chancen eröffnen. Einer Studie des WEF und der Boston Consulting Group (BCG) zufolge haben sie sich in den vergangenen Jahren weltweit zu einer Boombranche entwickelt. 2024 überschritt der globale Umsatz die Schwelle von fünf Billionen Dollar. Im vergangenen Jahrzehnt sei die Umwelttechnologie die am zweitschnellsten wachsende Branche nach der Informationstechnologie gewesen, heißt es bei WEF und BCG.

Allerdings sind längst nicht alle Firmen zukunftsorientiert unterwegs. Immer noch gelten wirtschaftliche Aktivitäten als wesentliche Treiber des fortgesetzten Biodiversitätsverlusts. Das bedeutet: Damit aus Pionieren der Normalfall wird, braucht es entsprechende Signale aus der Politik mit klaren Vorgaben für die Wirtschaft: Einerseits durch deutlich weniger naturschädliche Subventionen, zum Beispiel im Agrarbereich, andererseits durch wirtschaftliche Anreize für naturpositives Wirtschaften.

Im Moment geschieht leider häufig das Gegenteil. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wächst der Druck, Nachhaltigkeit gegen Wettbewerbsfähigkeit auszuspielen. Doch dieser Gegensatz ist falsch. Auf der Jubiläumsfeier des Rats für Nachhaltige Entwicklung Ende September formulierte Bundeskanzler Friedrich Merz jüngst, Klimaschutz und Wirtschaftswachstum seien „zwei Seiten derselben Medaille“. Für Biodiversität gilt dasselbe: Eine wettbewerbsfähige Wirtschaft braucht langfristig intakte natürliche Produktionsgrundlagen.

Planetare Lösungen statt planetarer Grenzen

Die Politik ist hier gefordert, sie muss die entsprechenden Anreize dafür setzen. Aber es braucht noch mehr: Mut, Tatkraft, Weitsicht und die richtigen Partnerschaften. Ziel muss es letztlich sein, mit engagierten Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik praktikable „planetare Lösungen“ für ein flächendeckendes Wirtschaften innerhalb „planetarer Grenzen“ zu ermöglichen. Diese Lösungen entstehen dort, wo wissenschaftliche Erkenntnis, unternehmerische Praxis und politische Gestaltung zusammenkommen. Und sie sind möglich, wie eine wachsende Zahl an Beispielen eindrucksvoll belegt.

Katrin Böhning-Gaese ist Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung und Professorin für Biodiversität im Anthropozän an der Universität Leipzig. Stefanie Eichiner ist Senior Vice President Sustainability & Industry Affairs bei Pfleiderer, einem führenden Hersteller von Holzwerkstoffen, und Vorstandsvorsitzende der nationalen Initiative Biodiversity in Good Company.

Dieser Standpunkt wurde am 19. Oktober auch im Tagesspiegel Background veröffentlicht.


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