Pressemitteilung vom 29. November 2018

‚Wilde Mulde‘ - Revitalisierung einer Flusslandschaft in Mitteldeutschland

Gemeinsames Projekt von Forschern und Naturschützern wird mit UN-Dekade-Preis ausgezeichnet

Das Flussauenprojekt 'Wilde Mulde' wird heute, am 29. November, als offizielles Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet, da es sich für den Erhalt der Biodiversität besonders stark macht. Ziel des seit Ende 2015 laufenden Vorhabens ist es, einen Flussabschnitt der Mulde und ihrer Auen wissenschaftlich begleitet zu revitalisieren. Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) koordiniert das Forschungskonsortium, an dem vier weitere wissenschaftliche Einrichtungen beteiligt sind - und steuert selbst seine Expertise der Naturschutzforschung und der Fließgewässerökologie bei. Der WWF Deutschland verantwortet die Gesamtkoordination des Projekts und setzt die Revitalisierungsmaßnahmen um.

Die Mulde mit ihren angrenzenden Lebensräumen ist einem ständigen Wandel unterworfen. Diese Dynamik bestimmt den Grad der Natürlichkeit. Foto: Nele Klimmer/WWF
Die Mulde mit ihren angrenzenden Lebensräumen ist einem ständigen Wandel unterworfen. Diese Dynamik bestimmt den Grad der Natürlichkeit.
Foto: Nele Klimmer/WWF
Um den Strukturreichtum der Mulde weiter zu erhöhen, werden sechs Raubäume in den Fluss eingebracht. Foto: Christiane Schulz-Zunkel, UFZ
Um den Strukturreichtum der Mulde weiter zu erhöhen, werden sechs Raubäume in den Fluss eingebracht.
Foto: Christiane Schulz-Zunkel, UFZ
Nördlich von Dessau soll ein von der Mulde abgekoppelter Seitenarm so wieder angebunden werden, dass bei erhöhten Wasserständen Wasser in die Aue einströmen kann. Foto: Nele Klimmer/WWF
Nördlich von Dessau soll ein von der Mulde abgekoppelter Seitenarm so wieder angebunden werden, dass bei erhöhten Wasserständen Wasser in die Aue einströmen kann.
Foto: Nele Klimmer/WWF

Ziel des bis zum Jahr 2020 laufenden Projekts ist, an der Mulde von Retzau bis zur Mündung in die Elbe bei Dessau-Roßlau an drei Standorten mit gezielten Revitalisierungsmaßnahmen für mehr natürliche Dynamik zu sorgen. Die Mulde gilt in diesem 24 Kilometer langen Flussabschnitt im Biosphärenreservat Mittelelbe noch als weitgehend naturnah, da sie ökologisch wertvolle Prall- und Gleithänge, Kies- und Sandbänke, alte Auwälder sowie Auenwiesen aufweist. "Allerdings sind viele Abschnitte der Mulde erheblich beeinträchtigt", sagt UFZ-Geoökologin Dr. Christiane Schulz-Zunkel, die die Forschung im Projekt 'Wilde Mulde' koordiniert. In diesen Bereichen fehle es an einer natürlichen hydromorphologischen Dynamik und an Geschiebe, verursacht durch Uferbefestigungen und Wehre. Zudem seien die Auen entlang der Mulde von der Austrocknung bedroht, weil sich das Flussbett durch einen Mangel an Geschiebe immer tiefer in die Sohle eingrabe und das Fluss- und Grundwasser absinke. Folge: Die benachbarten Auen können kaum mehr überflutet werden und stehen damit zu selten unter Wasser. "Am Unterlauf der Mulde besteht die besondere Möglichkeit, einen großflächigen Biotopverbund einer naturnahen Flusslandschaft in Verbindung mit Auengewässern und Auenwäldern zu fördern und dieser Landschaft mehr natürliche Entwicklung einzuräumen", fügt Christiane Schulz-Zunkel hinzu.

An dem vom UFZ koordinierten Konsortium sind neben Forschenden des UFZ in Leipzig und Magdeburg Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der TU Braunschweig, der Universität Leipzig, der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden sowie der Leibniz-Universität Hannover beteiligt. Sie erheben an fünf Standorten entlang der Mulde Daten, um den ökologischen, chemischen und funktionellen Zustand des Flusses vor und nach der Umsetzung von Revitalisierungsmaßnahmen bewerten zu können. Damit wollen sie Aussagen treffen, ob mögliche Zustandsänderungen auf diese Maßnahmen zurückzuführen sind. Dazu erfassen die Wissenschaftler Informationen zur Hydraulik und zur Hydromorphologie, zum Rückhaltevermögen von Phosphat und Nitrat sowie zur Schadstoffbelastung und zum Sedimenttransport - und zur Biodiversität.

Erste Bestandsaufnahmen von UFZ-Forschern zu Fischen ergaben beispielsweise, dass im Untersuchungsgebiet insgesamt 22 Fischarten vorkommen. Darunter fanden sich Arten der EU-Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) wie Bitterling, Rapfen und Steinbeißer. Bei der Analyse der Libellen-Populationen durch Biologen der HTW Dresden zeigte sich ein diverses Bild: Der Erhaltungszustand der Populationen der FFH-Art Grüne Keiljungfer ist hervorragend, bei der FFH-Art Asiatische Keiljungfer dagegen schlecht. Zudem konnten sie an den für Wildflüsse typischen Prall- und Gleithängen der Untersuchungsgebiete 82 Laufkäfer-Arten feststellen, darunter auch solche für den Landschaftsraum Elbe/Untere Mulde lebensraumtypische Arten. Bei den Wasserpflanzen dokumentierten Biologen unter anderem den in Sachsen-Anhalt auf der Roten Liste als gefährdet eingestuften Pinselblättrigen Wasser-Hahnenfuß, der Qualitätszeiger für den seit 1990 erheblich verbesserten Gewässerzustand der Mulde ist. Hinsichtlich des Vermögens der Mulde, Phosphat und Nitrat zurückzuhalten, zeigte sich, dass die Reinigungsleitung des Flusses in Abschnitten mit natürlichen, unbefestigten Ufern deutlich besser ist als an den Uferbereichen mit Steinschüttungen. "Wenn auch bislang nur erste Ergebnisse vorliegen, so zeigen diese doch, wie wichtig die Revitalisierung des Flusses im Hinblick auf seine biologische Vielfalt und die Erfüllung natürlicher Funktionen ist", fasst Christiane Schulz-Zunkel zusammen.

Für die Umsetzung der Revitalisierungsmaßnahmen entlang der Mulde ist der WWF Deutschland zuständig, der zugleich die Gesamtkoordination des Projekts verantwortet. Vier Maßnahmen führen die Projektpartner während des Projekts durch: So wurden an zwei Standorten insgesamt sechs große Hybridpappel-Stämme, so genannte Raubäume, in das Flussbett der Mulde eingebracht und verankert. Sie sollen beispielsweise Kiesbänke initiieren, die als Brutareal für Wasservögel wichtig sind. In einer weiteren Maßnahme wird derzeit im Bereich der Sollnitzer Stillinge auf einem 500 Meter langen Abschnitt eine Steinschüttung entfernt, so dass dort die Mulde wieder mäandrieren kann. Dadurch sollen sich die für einen Wildfluss typischen Prall- und Gleithänge bilden können -  steil abfallende Prallhänge als Brutplatz für Eisvogel und Uferschwalbe, auf der gegenüberliegenden Seite flach auslaufende Gleithänge als Lebensraum für Flussregenpfeifer und Flussuferläufer. Zudem wird derzeit ein bislang von der Mulde abgekoppelter Altarm wieder an den Fluss angeschlossen, indem die künstlichen Verfüllungen im Seitenarm  abgebaggert werden. Bei mittlerer Wasserführung könnte dadurch wieder Wasser von der Mulde in den Seitenarm fließen und die Aue beleben. Und schließlich wollen die Projektpartner insgesamt vier Hektar Auenwald pflanzen. "Diese Einzelmaßnahmen initiieren die morphologische Erneuerung des Flusses und seiner Auen, verbessern die Funktionen dieses Lebensraums und sichern die natürliche biologische Vielfalt nachhaltig", sagt WWF-Gesamtprojektleiter Georg Rast.

Bis zum Projektende 2020 sollen sämtliche Forschungsergebnisse zusammengetragen und unter der Leitung des UFZ in einer wissenschaftlichen Synthese analysiert und Zusammenhänge hergestellt werden. Angesichts der schlechten Gewässersituation und des dringenden Handlungsbedarfs in Deutschland sollen die Erfahrungen und Projektergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung aus dem Verbundprojekt 'Wilde Mulde' dazu dienen, sie auch in anderen Flusslandschaften zu nutzen.

Das Projekt 'Wilde Mulde - Revitalisierung einer Wildflusslandschaft in Mitteldeutschland' wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) gefördert. Die Gesamtkoordination sowie die Umsetzung der baulichen Maßnahmen obliegen dem WWF Deutschland. Die Arbeiten der fünf beteiligten Forschungseinrichtungen koordiniert das Helmholtz - Zentrum für Umweltforschung. https://wilde-mulde.de/

Die Auszeichnung zum UN-Dekade-Projekt findet im Rahmen der Aktivitäten zur UN-Dekade Biologische Vielfalt statt, die von den Vereinten Nationen für den Zeitraum von 2011 bis 2020 ausgerufen wurde. Ziel der internationalen Dekade ist es, den weltweiten Rückgang der biologischen Vielfalt aufzuhalten. Die Auszeichnung dient als Qualitätssiegel und macht den Beteiligten bewusst, dass ihr Einsatz für die lebendige Vielfalt Teil einer weltweiten Strategie ist. Möglichst viele Menschen sollen sich von diesen vorbildlichen Aktivitäten begeistern lassen und die ausgezeichneten Projekte als Beispiel nehmen, selbst im Naturschutz aktiv zu werden. https://www.undekade-biologischevielfalt.de/

Publikation:
Schulz-Zunkel, C., Rast, G., Schrenner, H., Baborowski, M., Bauth, S., Bondar-Kunze, E., Brauns, M., Bromberger, S., Dziock, F., Gapinski, C., Gründling, R., von Haaren, C., Hein, T., Henle, K., Kamjunke, N., Kasperidus, H.D., Koll, K., Kretz, L., Krüger, F., Möws, R., Otte, M., Pucher, M., Schmidt, C., Schnauder, I., Scholz, M., Seele, C., Nogueira Tavares, C., von Tümpling, W., Vieweg, M., Warthemann, G., Weitere, M., Wirth, C., (2017): Wilde Mulde - Revitalisierung einer Wildflusslandschaft in Mitteldeutschland. Naturschutz im Land Sachsen-Anhalt 54 , 46 - 65. https://www.ufz.de/export/data/2/218607_Schulz-Zunkel_etal_2017_Wilde_Mulde_Naturschutz_LSA.pdf


Weitere Informationen

Georg Rast
WWF Deutschland
georg.rast@wwf.de

Dr. Christiane Schulz-Zunkel
UFZ-Department Naturschutzforschung
christiane.schulz@ufz.de

UFZ-Pressestelle

Susanne Hufe
Telefon: +49 341 235-1630
presse@ufz.de


Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg mehr als 1.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

www.ufz.de

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie sowie Luftfahrt, Raumfahrt und Verkehr. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit 37.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 18 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 4 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des großen Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

www.helmholtz.de
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