Interview vom 28. Mai 2026
"50 Jahre Leipzig-Grünau als Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Entwicklung"
Am 1. Juni 1976 wurde der Grundstein gelegt für das damals zweitgrößte Neubaugebiet in der DDR: Leipzig-Grünau. Bis 1989 fanden dort ca. 87.000 Menschen eine neue Wohnung. Die Entwicklung dieser Plattenbausiedlung wird seit 1979 durch die Langzeitstudie "Wohnen und Leben in Leipzig-Grünau" begleitet, bei der alle fünf Jahre Bewohnerinnen und Bewohner befragt werden. Die UFZ-Stadtsoziologin Prof. Sigrun Kabisch war seit Beginn der Studie dabei, seit 2004 hat sie die Leitung inne. Im Interview spricht sie über die Entwicklung des Stadtteils, aktuelle Trends und wie sie die Zukunft Grünaus sieht.
Wie hat sich Grünau in den vergangenen 50 Jahren entwickelt?
Die Plattenbausiedlung Grünau war stets einer starken Dynamik unterzogen: Nachdem die Einwohnerzahl auf 87.000 Menschen gestiegen war, schrumpfte sie im Zuge der gesellschaftlichen Transformation nach 1989 dramatisch auf etwa 40.000. In den 2010er Jahren begann sie wieder langsam zu wachsen, bis sie im Jahr 2025 rund 48.000 betrug. Diese Entwicklung ging einher mit städtebaulichen Veränderungen und Anpassungen der Infrastruktur. Von den ursprünglich ca. 36.000 Wohnungen wurden aufgrund des abwanderungsbedingten Leerstands und unrealistischer Privatisierungsauflagen rund 7.000 abgerissen. Es folgten Umbau und Sanierung existierender Wohnungsbestände. Seit neuestem werden wieder mehrgeschossige Wohngebäude errichtet. Diese bieten eine Wohnqualität, die mit jener in der Innenstadt mithalten kann. Zusammenfassend ist zu sagen, dass sich Grünau in seiner 50-jährigen Geschichte zahlreichen Herausforderungen gegenübersah, doch diese stets bestand und sich als resilienter Stadtteil erwies.
Wie hat sich die Wertschätzung der Bewohnerinnen und Bewohner für Grünau verändert?
Die Menschen hier wissen, was sie an Grünau haben: Der im Vergleich zu manchen innerstädtischen Lagen sehr hohe Grünanteil, günstige Mieten für gute Wohnungen, umfangreiche Versorgungsangebote, tolle Spielplätze und Freizeitanlagen sind Pluspunkte, die in unseren Befragungen immer wieder genannt werden. Dennoch wird von den Befragten die Zukunft Grünaus kritisch betrachtet. So werden ein sich veränderndes soziales Umfeld, Unachtsamkeit in Bezug auf Müll und Lärm sowie eine vermeintlich zunehmende Respektlosigkeit im öffentlichen Miteinander bemängelt.
Seit dem Jahr 2015 zieht es wieder mehr Menschen nach Grünau. Was sind die Gründe dafür?
Die Zunahme der Einwohnerzahl Grünaus geht einher mit der Entwicklung der gesamten Stadt Leipzig, deren Einwohnerzahl seit 2015 um mehr als 10 Prozent zunahm. Die Suche nach guten und bezahlbaren Wohnungen führte auch nach Grünau. In den Jahren 2015/16 und 2022 fanden viele Menschen mit Migrationsgeschichte und Geflüchtete hier eine Wohnung. So ist deren Anteil zum Beispiel in dem zentral gelegenen Ortsteil Grünau-Mitte auf 36 Prozent gestiegen. Ein anderer Grund ist die Rückkehr von Menschen nach Grünau, die dort in ihrer Kindheit und Jugend gelebt haben. Die Rückkehrer schätzen neben den guten Wohnbedingungen ihre familiären Netzwerke.
Welche neuen Herausforderungen gibt es vor Ort?
Für manche der hier schon länger lebenden Bewohnerinnen und Bewohner war und ist der Zuzug von sehr vielen Migrantinnen und Migranten eine Herausforderung. Weil viele der Neuankömmlinge aus anderen Kulturen stammen, sind damit andere Lebens- und Verhaltensweisen verbunden, die ein bislang gewohntes Umfeld verändern. Fehlende persönliche Kontakte verhindern das Kennlernen und ein wechselseitiges Verständnis. In Diskussionsrunden mit migrantischen Familien konnten wir deren Sorgen erfahren und feststellen, dass diese das gleiche wollen wie die Langzeitbewohner: Ihre Kinder sollen in ordentliche Schulen und Kitas gehen, nicht in Kontakt mit Drogen kommen. Sie wollen mit hilfsbereiten, respektvollen Nachbarn leben.
Wie sieht es mit der Zufriedenheit der Bewohnerinnen und Bewohner laut der aktuellen Studie „Grünau 2025“ aus?
Die Menschen sind weiterhin sehr zufrieden mit ihrer Wohnung: Die Miete ist bezahlbar, die Wohnausstattung ist gut, die grüne Umgebung sorgt für naturnahes Wohnen und die Nachbarn werden überwiegend als hilfsbereit beschrieben. Etwa 90 Prozent der Befragten wollen auf keinen Fall aus ihrer Wohnung ziehen. Gleichzeitig stellen wir eine wachsende Unzufriedenheit mit dem Wohnumfeld fest: Müllaufkommen, Verschmutzung und die Sorgen um die Sicherheit nehmen zu, auch werden Klagen über die Rücksichtslosigkeit im Alltag lauter. In unserer aktuellen Studie haben viele der rund 700 Befragten aus 30 Nationen betont, dass Grünau bereits große Integrationsleistungen etwa in Kitas, Schulen und Freizeiteinrichtungen für Jugendliche erbringt. Die Integrationskraft darf aber nicht überfordert werden. Damit zeigen sich auf Stadtteilebene Herausforderungen, die auch für ganz Leipzig zutreffen und die gesamtgesellschaftliche Entwicklung abbilden.
Lassen sich diese Entwicklungen in allen Grünauer Vierteln beobachten?
Die Großwohnsiedlung Grünau weist verschiedene Viertel auf. Deren acht Wohnkomplexe unterscheiden sich in Baustrukturen, Sanierungsstand und Ausstattung mit Versorgungs- und Freizeiteinrichtungen. Von entscheidender Bedeutung sind dabei die 25 Wohnungsunternehmen mit ihren spezifischen Vermarktungsstrategien und der daran ausgerichteten Bewohnerschaft. Generell lässt sich sagen, dass die Wohnungsgenossenschaften eine zentrale Rolle für die Stabilisierung des Stadtteils und das gute Zusammenleben spielen. Die Genossenschaften sind im Viertel bekannt, sie sorgen sich um den Erhalt und die Modernisierung ihres vergleichsweise großen Wohnungsbestands und kümmern sich intensiv um ihre Bewohnerinnen und Bewohner. Damit werten sie die Viertel auf.
Sie leiten die Grünau-Studie seit mehr als 20 Jahren. Wie bringen Sie die Forschungsergebnisse in die Praxis?
Die Studienergebnisse fließen etwa in die städtische Wohnungs- und Sozialpolitik oder das Quartiersmanagement ein. Der Ergebnisbericht wird in Papierform und digital den Praxispartnern übergeben. Ich halte Vorträge, nehme an Diskussionsveranstaltungen teil, fertige Sonderauswertungen für Wohnungsunternehmen an und verfasse Beiträge für verschiedene Zeitschriften. Nach der Veröffentlichung der aktuellen Grünau-Studie waren die Grünauer Bürgerinnen und Bürger zu mehreren Ergebnispräsentationen und -diskussionen eingeladen – ein Vorgehen, dass seit Jahren zu jeder Erhebung dazugehört. Das Leipziger Stadtplanungsamt hatte mich zudem zu einem Vortrag auf der Fachkonferenz „50 Jahre Grünau – Von hier aus weiter“ am 2. Juni eingeladen.
Vor welcher Zukunft steht Grünau?
Der Leipziger Stadtteil Grünau hat die Größe einer durchschnittlichen deutschen Mittelstadt. Wie in jeder Stadt gibt es sehr schöne und weniger schöne Bereiche. Zentral ist die Frage, wie die vorhandenen Potenziale genutzt werden und wie mit Problemen umgegangen wird. Wenn Grünau in der gesamtstädtischen Entwicklungsstrategie einen angemessenen Platz erhält, dann kann der Stadtteil in mancher Hinsicht als Vorreiter angesehen werden. Denn Probleme, die hier auftreten und gelöst werden, finden sich auch in anderen Stadtteilen. Grünau braucht eine gute Lobby und einen fairen Umgang seitens der Stadtgesellschaft. So kann es sich zukunftssicher weiterentwickeln.
Weitere Informationen:
- "Grünau 2025" Ergebnisse der Bewohnerbefragung im Rahmen der Langzeitstudie "Wohnen und Leben in Leipzig-Grünau"
- UFZ-Pressemitteilung „50 Jahre Grünau“
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