Statement vom 21. Mai 2026
Biodiversität in Krisenzeiten
Das allgemeine Interesse erlahmt, trotzdem gibt es starke Akteure für den Naturschutz
Geopolitische und wirtschaftliche Krisen drängen die Sorge um die Natur derzeit in den Hintergrund. Der Tag der Artenvielfalt am 22. Mai soll uns daran erinnern, dass sie unsere Lebensgrundlage ist. Denn die Natur liefert sauberes Wasser zum Trinken, gesunde Pflanzen zum Essen und saubere Luft zum Atmen. Es sei gerecht, wirtschaftlich klug und für ein gutes Leben notwendig, dass sich Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Justiz und Wissenschaft gemeinsam anstrengen, die Natur als Basis zu erhalten, schreibt Prof. Katrin Böhning-Gaese in ihrem Statement.
Am Tag der Artenvielfalt sollten wir eigentlich die Natur feiern. Schließlich ist Biodiversität unsere Existenzgrundlage. Fast alles, was wir zum Leben brauchen, stellt uns die Natur zur Verfügung: sauberes Trinkwasser, Nahrung, Bauholz, Fasern, selbst modernste Antibiotika. Dafür brauchen wir funktionierende Ökosysteme mit hoher Biodiversität; nur so bleiben Ökosysteme stabil und resilient. Trotzdem schrumpft die Vielfalt weltweit dramatisch, auch in Deutschland. Besonders eklatant ist der Rückgang in der Agrarlandschaft, also auf Äckern, Wiesen und Weiden. Dort sprießt, kreucht und fleucht immer weniger. So dezimierten sich zum Beispiel die Bestände des Kiebitzes in den letzten Jahrzehnten um 93 Prozent, des Rebhuhns um 91 Prozent, der Feldlerche um 50 Prozent. Diese besorgniserregenden Zahlen zeigen, dass die landwirtschaftlichen Systeme an Widerstandskraft verlieren, mit potenziell höchst bedrohlichen Folgen für unsere Ernährungs- und Wassersicherheit.
Vielleicht am schlimmsten: Arten- und Naturschutz sind in der Öffentlichkeit so gut wie kein Thema, in der Politik genauso wenig wie in den Medien. Selbst bei wichtigen Grundsatzreden erwähnen Politiker heute immer seltener die Themen Umwelt, Klima und Biodiversität. In repräsentativen Umfragen ist die Sorge vor dem Klimawandel auf Platz 9 abgefallen, weit hinter militärischen Konflikten, Armut und Ungleichheit, Einwanderung, Kriminalität und Gewalt oder Inflation. Ganz offensichtlich drängt die Vielzahl der derzeitigen Krisen – etwa der Iran- und Ukrainekrieg, die Wirtschaftsschwäche und Preisanstiege – die Sorge um Natur und um Klima in den Hintergrund. Damit klaffen Wahrnehmung und tatsächliche Bedeutung von Biodiversität weit auseinander. Und das ist ein Problem.
Kluft zwischen kurzer und langer Sicht
Die Schwierigkeit liegt in der fehlenden Balance zwischen kurzfristigen und langfristigen Gefahren. Auf längere Sicht betrachten Viele den fehlenden Umweltschutz als Risiko. Das Weltwirtschaftsforum etwa listet bei längerfristigen Bedrohungen fünf Umweltrisiken unter den ersten zehn. Der Verlust der Biodiversität und der Kollaps von Ökosystemen stehen auf Platz 2. Kurzfristig sieht das Bild anders aus. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wer eigentlich noch für den Schutz von Biodiversität eintreten kann. Tatsächlich gibt es vier Gruppen.
Die Justiz als Anwalt für Natur
Da wären zunächst einmal die Gerichte. Beim Weltnaturgipfel 2022 in Montreal haben sich fast 200 Staaten unter anderem dazu verpflichtet, 30 Prozent der Landes- und Meeresflächen effektiv zu schützen und 30 Prozent der gestörten Ökosysteme wiederherzustellen. Entsprechende Strategien, Verordnungen und Gesetze existieren auf der europäischen und nationalen Ebene. Auf dieser Basis stoppte z.B. das Verwaltungsgericht Schleswig-Holstein dieses Jahr die Ölförderung auf der Bohrinsel Mittelplate, die mitten im streng geschützten Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer liegt. Und zwar mit sofortiger Wirkung. Das Verwaltungsgericht Lüneburg bestätigte 2025 den Schutz der Lüneburger Heide gegen Klagen aus der Landwirtschaft. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag bewertete den Kampf gegen Naturverlust, Klimawandel und Ernährungskrise in einem Rechtsgutachten unlängst als Facetten desselben Problems. Zugleich forderten sie alle Staaten auf, alle drei Krisen mit gleicher Dringlichkeit zu bekämpfen. Weitere juristische Schritte könnten in Deutschland darin liegen, der Natur Rechte zuzuweisen, so wie dies beispielsweise in Spanien und Ecuador bereits geschehen ist.
Wirtschaft sieht die Risiken
Auch Firmen unternehmen etwas für den Schutz der Biodiversität. Eine nicht geringe Zahl an Unternehmen ordnet deren Verlust mittlerweile als Geschäftsrisiko ein. Umgekehrt sehen viele in der nachhaltigen Nutzung und Förderung der Natur eine wirtschaftliche Chance. So setzt sich die Oberpfälzer Brauerei „Neumarkter Lammsbräu“ dauerhaft für den Erhalt der Biodiversität ein. Zusammen mit Landwirtinnen und Landwirten entwickelt sie individuelle Kulturlandpläne und setzt diese um. Auch die Firma Schwalbe, bekannt für ihre Produktion von Fahrradreifen und Schläuchen, fördert die Biodiversität entlang der gesamten Naturkautschuk-Lieferkette: von der fairen und entwaldungsfreien Beschaffung bis zu langfristigen Artenschutzprojekten.
Nach europäischen Richtlinien zur Nachhaltigkeitsberichterstattung hätten Unternehmen zuletzt stufenweise unter anderem über ihren Fußabdruck auf Biodiversität und Ökosysteme berichten müssen. Im Zuge der Omnibusverfahren und des „Bürokratieabbaus“ wurden die Regelungen 2026 für den Großteil der Unternehmen wieder zurückgenommen. Eine aktuelle Studie unter 400 europäischen Unternehmen zeigt jedoch: 90 Prozent der befreiten Firmen planen, ihre Berichterstattung freiwillig fortzusetzen, weil Nachhaltigkeitsdaten strategisches Steuerungswissen darstellen. Sie beeinflussen operative Entscheidungen, treiben Innovationen voran und sind zentral für das Risikomanagement in globalen Lieferketten.
Die wahren Naturschutzhelden
Eine dritte Gruppe sind die ehrenamtlich im Naturschutz Tätigen, organisiert in Vereinen und Verbänden, oder allein und mit Familie aktiv. Sie leisten unglaublich wertvolle Arbeit vor Ort. Sie engagieren sich für den Schutz von Lebensräumen, etwa alter Wälder oder den letzten blühenden Wiesen in einer Gemeinde, für den Schutz einzelner Arten, wie der Flussperlmuschel und dem Feldhamster, oder sie organisieren Reinigungsaktionen in Stadtparks. Sie sind die wahren Naturschutzhelden, weil sie einen echten Unterschied machen – und das oft in einem uninteressierten, manchmal sogar feindlichen gesellschaftlichen und politischen Klima.
Es braucht planetare Lösungen
Schließlich gibt es noch die Wissenschaft. Deren Studien waren und sind der Motor für den Schutz und die Förderung der Biodiversität. Dank langfristiger Zusammenarbeit mit Bürgerwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern können Langzeit-Datenreihen über Veränderungen von Arten ausgewertet werden – darunter besonders wichtig die Bestandsdaten von Vögeln oder die Artenvielfalt und Biomasse von Insekten. Sie machen, zusammen mit tausenden von Studien über die größeren Zusammenhänge von Biodiversität und Ökosystemleistungen, insbesondere auf das Problem und die Folgen des langfristigen, schleichenden Verlusts der Biodiversität aufmerksam. Allerdings sind die Zeiten vorbei, in denen Forscherinnen und Forscher durch schlechte Nachrichten aufrütteln können. Alarmierende Botschaften möchte niemand mehr hören.
Deshalb sind jetzt Lösungen gefragt, die den Planeten als Ganzes in den Blick nehmen und die unterschiedlichen Komponenten des Erdsystems, Klima, Biodiversität, Wasser gemeinsam adressieren – planetare Lösungen also. Im Naturschutz zum Beispiel sind die notwendigen Maßnahmen grundsätzlich bekannt. Es braucht große, gut gemanagte Schutzgebiete, Renaturierung, nachhaltige biodiversitätsfreundliche Land- und Forstwirtschaft sowie nachhaltigen Konsum. Ob diese Lösungsoptionen – sei es im Natur- und Klimaschutz oder beim Schutz vor Umweltverschmutzung – auch betriebswirtschaftlich umsetzbar, praktikabel und skalierbar sind und eine deutliche Wirkung erzielen, bedarf weiterer Erkenntnisse. Genau darum werden wir uns am UFZ künftig noch stärker bemühen.
Das alles zeigt: Trotz Krisen treiben Gerichte, Pionierunternehmen, Zivilgesellschaft und Wissenschaft die Förderung der Biodiversität voran: Weil es rational das Beste ist – gerecht, wirtschaftlich klug und für ein gutes Leben notwendig.
Katrin Böhning-Gaese ist Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und Professorin für Biodiversität im Anthropozän an der Universität Leipzig. Sie ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften, Leopoldina.
Weitere Links zum Thema:
- Bayern2 / Interview Prof. Katrin Böhning-Gaese: Artensterben: Was die Rote Liste zeigt und was wir selbst tun können
- Arte / Diskussion mit Prof. Katrin Böhning-Gaese und Prof. Chris Thomas: Agree to Disagree! Pilze oder Pandas – schützen wir die Richtigen?
- WDR Quarks / Interview mit UFZ-Bodenökologe Dr. Martin Schädler: Grünes Glück ohne Stress: So werden Balkon und Garten zum Paradies für Arten
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Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt und erarbeiten Lösungsoptionen. In sechs Themenbereichen befassen sie sich mit Wasserressourcen, Ökosystemen der Zukunft, Umwelt- und Biotechnologien, Chemikalien in der Umwelt, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg circa 1.100 Mitarbeitende. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.
www.ufz.deDie Helmholtz-Gemeinschaft identifiziert und bearbeitet große und vor allem drängende Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Ihre Aufgabe ist es, langfristige Forschungsziele von Staat und Gesellschaft zu erreichen. Damit sollen die Lebensgrundlagen der Menschen erhalten und sogar verbessert werden. Helmholtz besteht aus 19 naturwissenschaftlich-technologischen und medizinisch-biologischen Forschungszentren.
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