Pressemitteilung vom 18. Mai 2026

50 Jahre Grünau: Hohe Zufriedenheit mit eigener Wohnung, aber kritisches Wohnumfeld

UFZ legt mit 12. Studie Ergebnisse zum Leben in Leipziger Plattenbausiedlung vor

Vor 50 Jahren, am 1. Juni 1976, wurde der Grundstein für Leipzig-Grünau gelegt, das damals zweitgrößte Plattenbaugebiet in der DDR. Bis heute ist der Stadtteil ein Spiegelbild städtebaulicher und gesellschaftlicher Veränderungen mit Wachstum und Schrumpfung sowie sozialen Herausforderungen. Seit 1979 wird die Entwicklung dieser Großsiedlung mit einer Langzeitstudie begleitet, seit 2004 unter Leitung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Die aktuelle Erhebung "Grünau 2025" zeigt: Die Menschen fühlen sich nach wie vor in ihrer eigenen Wohnung sehr wohl, die nachbarschaftlichen Beziehungen sind stabil und vertrauensvoll. Das Wohnumfeld wird im Vergleich zu vorangegangen Studien dagegen zunehmend kritisch betrachtet.

<p>Der Kolonnadengarten – seit 2008 Oase der Entspannung, Treffpunkt für kulturelle Veranstaltungen und Ort gärtnerischer Betätigung.</p> Foto: André Künzelmann / UFZ

Der Kolonnadengarten – seit 2008 Oase der Entspannung, Treffpunkt für kulturelle Veranstaltungen und Ort gärtnerischer Betätigung.


Foto: André Künzelmann / UFZ
<p>Für die 12. Studie „Grünau 2025“ werteten die UFZ-Forschenden fast 700 Fragenbögen und Expertengespräche aus.</p> Foto: André Künzelmann / UFZ

Für die 12. Studie „Grünau 2025“ werteten die UFZ-Forschenden fast 700 Fragenbögen und Expertengespräche aus.


Foto: André Künzelmann / UFZ

Wohnungen in Plattenbausiedlungen waren zu DDR-Zeiten begehrt: Zentralheizung, moderne Ausstattung, Kinderzimmer sowie Schulen, Kitas und Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe und reichlich Grün zwischen den Häusern boten einen deutlichen Komfortgewinn. Mit diesen Vorzügen konnte auch die am westlichen Stadtrand Leipzigs gelegene Großwohnsiedlung Grünau punkten, deren Bau Anfang Juni 1976 begann. Bis zu 85.000 Menschen lebten dort im Jahr 1987. Nach der gesellschaftlichen Wende in Ostdeutschland verringerte sich die Einwohnerzahl um etwa die Hälfte. Mittlerweile leben dort wieder 48.000 Menschen im Plattenbaubestand. Wie die Bewohnerinnen und Bewohner das Wohnen und Leben in Grünau erfahren und bewerten, wird seit 1979 stadtsoziologisch erforscht.

Für die aktuelle und nunmehr 12. Studie "Grünau 2025" werteten die UFZ-Forschenden fast 700 Fragenbögen und Expertengespräche aus. Die Ergebnisse zeigen mehrere Trends: So gaben 68 Prozent der Befragten an, sich in den eigenen vier Wänden sehr wohlzufühlen – genauso viele wie vor zehn Jahren. "Sie wissen die Größe, Lage, Ausstattung und die günstigen Mieten zu schätzen", sagt die UFZ-Stadtsoziologin Prof. Sigrun Kabisch, die die Langzeitstudie seit 2004 leitet. Auch soziale Beziehungen spielen eine wichtige Rolle: Rund zwei Drittel der Befragten würden mindestens einer Person im Haus ihren Wohnungsschlüssel anvertrauen. Dies gilt als der zentrale Indikator für Vertrauen. Besonders in den genossenschaftlichen Wohnungsbeständen sind die Nachbarschaftsbeziehungen aufgrund der häufig langen Wohndauer seiner Bewohnerinnen und Bewohner eng. Weniger stark ausgeprägt sind sie dagegen im kommunalen Unternehmen und bei manchen privaten Wohnungsanbietern.

Dagegen nimmt der Anteil der Menschen, die sich in der Großsiedlung Grünau uneingeschränkt wohl fühlen, seit 2009 stetig ab. Während dies damals 74 Prozent angaben, sind es 2025 nur noch 49 Prozent. Das wachsende Müllaufkommen, die Verschmutzung des öffentlichen Raums und Sicherheitsbedenken werden als vorrangige Gründe angegeben. Ein auffallend starker Rückgang ist dabei bei den über 65-Jährigen zu verzeichnen. "Gerade Ältere, die seit Jahrzehnten in Grünau wohnen, betrachten die Veränderungen der vergangenen Jahre mit Sorge", sagt Sigrun Kabisch. Weitere 48 Prozent fühlen sich mit Einschränkungen wohl. Der Anteil derjenigen, die sich gar nicht wohlfühlen, ist seit Jahren verschwindend gering.

Die Bevölkerung ist in der Plattenbausiedlung von 44.500 im Jahr 2020 auf 47.800 (2025) leicht gestiegen. Ein wesentlicher Grund dafür ist der Zuzug von Menschen mit Migrationsgeschichte. Ihr Anteil ist im Stadtbezirk Leipzig West, zu dem das Plattenbaugebiet gehört, von 10,8 Prozent (2020) auf 25,4 Prozent (2024) gewachsen. Im zentralen Ortsteil Grünau-Mitte mit den zwei großen Wohnkomplexen 4 und 5.2 stieg der Wert sogar auf 36 Prozent. "Das nachbarschaftliche Zusammenleben ist hier nicht immer konfliktfrei", sagt Sigrun Kabisch. Mit dem wachsenden Anteil von Menschen aus anderen Kulturen und mit Flucht- oder Migrationsgeschichte treten bei manchen Grünauerinnen und Grünauern Missverständnisse, Unzufriedenheit und manchmal auch Ängste auf, heißt es in der Studie. Dies trifft vorrangig für jene zu, die kaum Kontakte zu den Neuankömmlingen haben. Auch hier wirken aktuelle Debatten über Migration nach und beeinflussen die Wahrnehmungen. Notwendig sei es deswegen, mehr Gelegenheiten für den Austausch und den respekt- und rücksichtsvollen Umgang miteinander zu schaffen. Demgegenüber betonten gerade jüngere Befragte, dass Grünau ein diverser Stadtteil mit unterschiedlichen Teilräumen sei, in denen verschiedene Perspektiven und Erfahrungen aufeinandertreffen und sich gut ergänzen. Insgesamt liefert Grünau wichtige Integrationsleistungen für die gesamte Stadt. "Der Stadtteil mit seinen unterschiedlichen Facetten ist ein Spiegelbild der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung", sagt UFZ-Forscherin Sigrun Kabisch.

Derzeit zeigt sich laut aktueller Studie ein eher verhaltenes Stimmungsbild. Obwohl sich in Grünau viele Menschen engagieren, Wohnungsunternehmen Wohnungen sanieren oder neu bauen, ein vielseitiges Schulangebot und neu errichtete Gebäude existieren, werden negative Aspekte durch die Befragten betont. Dazu gehören ein vermehrter respektloser Umgang im Alltag, eine zunehmende Verschmutzung an den Müllsammelstellen, Zerstörungen mancherorts und das Gefühl, von der Stadtpolitik zu wenig beachtet zu werden. Entsprechend ist auch die Bereitschaft gesunken, Grünau als Wohnort einem guten Freund weiterzuempfehlen. Der Anteil derjenigen, die dies tun würden, belief sich zwischen 2004 und 2020 immer auf etwa 60 Prozent. Im Jahr 2025 sank er auf 51 Prozent. Besonders jüngere Menschen sprechen seltener eine Empfehlung aus. "Dies ist angesichts der starken Alterung der Grünauer Bewohnerschaft alarmierend", sagt Sigrun Kabisch.

Und dennoch verfügt Grünau über zahlreiche Potenziale, die eine stärkere öffentliche Aufmerksamkeit in der Stadtgesellschaft verdienen. Die anstehenden Feierlichkeiten im Rahmen des 50. Geburtstags Grünaus Anfang Juni werden dies zeigen.

Publikation:
"Grünau 2025" Ergebnisse der Bewohnerbefragung im Rahmen der Langzeitstudie "Wohnen und Leben in Leipzig-Grünau"
https://www.ufz.de/export/data/2/304508_Gr%C3%BCnau_Bericht_Homepage%20Projekt-1.12.25.pdf

Mehr Informationen:
Langzeitstudie "Wohnen und Leben in Leipzig-Grünau": https://www.ufz.de/intervallstudie_gruenau

Städtebauliche Fachtagung "50 Jahre Grünau – Von hier aus weiter" am 2./3. Juni 2026; Ort: Offener Freizeittreff "Völkerfreundschaft", Stuttgarter Allee 9, 04209 Leipzig. https://buergerbeteiligung.sachsen.de/portal/leipzig/beteiligung/themen/1061275

 


Weitere Informationen

Prof. Dr. Sigrun Kabisch
UFZ-Department Stadt- und Umweltsoziologie
sigrun.kabisch@ufz.de

UFZ-Pressestelle

Susanne Hufe
Telefon: +49 341 6025-1630
presse@ufz.de


Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt und erarbeiten Lösungsoptionen. In sechs Themenbereichen befassen sie sich mit Wasserressourcen, Ökosystemen der Zukunft, Umwelt- und Biotechnologien, Chemikalien in der Umwelt, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg circa 1.100 Mitarbeitende. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

www.ufz.de

Die Helmholtz-Gemeinschaft identifiziert und bearbeitet große und vor allem drängende Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Ihre Aufgabe ist es, langfristige Forschungsziele von Staat und Gesellschaft zu erreichen. Damit sollen die Lebensgrundlagen der Menschen erhalten und sogar verbessert werden. Helmholtz besteht aus 19 naturwissenschaftlich-technologischen und medizinisch-biologischen Forschungszentren.

www.helmholtz.de
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