Statement vom 20. Februar 2026
Auch eine intakte Umwelt schafft Sicherheit
Wir brauchen einen gefahrenübergreifenden Ansatz
Die Welt erlebt derzeit die höchste Zahl an Konflikten seit dem Zweiten Weltkrieg. Zudem erodiert die Weltordnung zusehends. Diese Bedrohungen sind ernst und ernst zu nehmen. Es ist jedoch fatal, darüber die Risiken zu vergessen, die der Klimawandel, der Verlust der Biodiversität und die Umweltverschmutzung mit sich bringen, schreibt UFZ-Geschäftsführerin Prof. Katrin Böhning-Gaese. Langfristig würde das die Herausforderungen insgesamt vergrößern und uns vor enorme neue Probleme stellen.
Die Zeiten sind unsicher. Die Welt erlebt derzeit die höchste Zahl an Konflikten seit dem Zweiten Weltkrieg – und insgesamt auch die brutalsten. „Diese Entwicklungen unterstreichen ein beunruhigendes Wiederaufleben großangelegter Kriege“, schreibt das Oslo Friedensinstitut. Krieg gibt es nicht nur in der Ukraine und im Nahen Osten, auch im Sudan, in Myanmar in der Sahel Region, im Jemen und vielen anderen Ländern gehört Gewalt zur täglichen Realität. Dazu kommt: Das internationale System erodiert, die Vereinten Nationen sind geschwächt. Die USA als bisherige Schutzmacht ziehen sich einerseits zurück – etwa aus internationalen Organisationen – und greifen andererseits eigenmächtig ein – wie in Venezuela oder angedroht in Grönland. In dieser komplexen Gemengelage ringt Europa um seinen Platz in der Welt und um seine Sicherheit.
All das wirkt sich auf die Stimmung im Land aus. Meinungsumfragen zeigen: Das Sicherheitsgefühl der Deutschen sinkt. Dabei sorgen sich die Bundesbürger vor allem um Kriegsgefahren, Zuzug von Flüchtlingen, Inflation und wirtschaftliche Einbußen. Die politischen Antworten darauf lauten: Zuzug begrenzen, Wirtschaft ankurbeln und – die militärische Sicherheit erhöhen. So steigen die Verteidigungsausgaben in diesem Jahr
auf gut 108 Milliarden Euro und erreichen damit einen Höchststand seit dem Ende des Kalten Krieges. Ein ähnliches Bild zeigt sich in der EU: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen möchte mit dem „ReArm Europe“-Plan fast 800 Milliarden Euro für ein sicheres und resilientes Europa mobilisieren.
Breites Spektrum an Risiken
Diese Bedrohungen sind ernst und ernst zu nehmen, keine Frage. Was wir darüber nicht vergessen dürfen: Auch der Klimawandel, der Verlust der Biodiversität und Umweltverschmutzung stellen große Risiken dar. Im allgemeinen Bewusstsein sind sie jedoch kaum vorhanden, auch in der Politik haben sie keine Priorität mehr. Aber diese Risiken nicht zu beachten, kostet auch heute schon Menschenleben. Wegen der Hitzewellen in Deutschlands Städten starben allein im Jahr 2025 etwa 2.500 Menschen. Bei der Ahrtalflut mussten 135 Menschen ihr Leben lassen. Und Luftverschmutzung durch Feinstaub führte der Europäischen Umweltagentur zufolge in Deutschland zu 60.000 Todesfällen im Jahr 2023. Und das sind nur einige Beispiele für das, worauf wir uns einstellen müssen, wenn wir nicht handeln.
Welche Gefahren mit dem fortgesetzten Verlust an Natur und Ökosystemen verbunden sind, hat die Wissenschaft hinreichend belegt und kommuniziert dies über Veröffentlichungen und in Veranstaltungen auf alle Ebenen der Gesellschaft. Neben weiteren Akteuren aus NGOs, Initiativen oder Verbänden befassen sich aber auch Organisationen mit dem Thema, von denen man es auf den ersten Blick nicht vermutet. Der Britische Geheimdienst etwa hat kürzlich in einem Bericht für Großbritannien festgehalten, dass der natürliche Niedergang „die nationale Sicherheit und den Wohlstand“ des Landes „gefährdet“ und sogar geopolitische Verwerfungen nach sich ziehen könnte. Wegen globaler Konkurrenz um Wasser und Nahrungsmittel, so der Bericht, müsse Großbritannien eines Tages vielleicht sogar um seine Ernährungssicherheit kämpfen. Klarer kann man die Belastungen, die von dieser Seite drohen, kaum zu Papier bringen.
Die Gefahren sieht auch der Privatsektor, wie der jüngste Global Risk Report des Weltwirtschaftsforums zeigt: Selbst wenn kurzfristig geopolitische und wirtschaftliche Risiken überwiegen, dominieren langfristig über die nächsten zehn Jahre, Umweltrisiken das Bild: extreme Wetterereignisse, der Verlust an Biodiversität, kritische Veränderungen der Erdsysteme und die Umweltverschmutzung. Und mit jedem Jahr, mit dem Klimawandel und Artensterben voranschreiten, wachsen diese Risiken.
Breiter denken
Deshalb brauchen wir ein umfassenderes Verständnis von Sicherheit, zu dem mehr gehört, als aufzurüsten und die Wirtschaft mit Krediten zu befeuern. So fordert zum Beispiel der Niinistö-Report, einen „All-Hazards Approach“, der alle natürlichen und alle vom Menschen verursachten Risiken und Gefahren gleichermaßen in den Blick nimmt. Dazu gehören dann auch der Klimawandel, extreme Wetterereignisse und Naturkatastrophen sowie die Degradierung der Umwelt. Der Bericht wurde von der Europäischen Kommission in Auftrag gegeben und vom ehemaligen Präsidenten Finnlands, Sauli Niinistö, geschrieben. Er fordert eine Kultur der „Preparedness“, der vorausschauenden, aktiven Vorsorge. Wir sollten die Augen vor keinem Risiko verschließen, egal welcher Art, lautet sein Credo.
Resiliente Ökosysteme schaffen Sicherheit
Doch wie bereitet man sich vorausschauend auf diese Gefahren vor? Neben einem aktiven Klimaschutz gehört dazu, den Einsatz giftiger Chemikalien zu regulieren. Genauso wichtig ist die Vorbereitung auf Extremwetterereignisse, die Anpassung an Hitze in Städten oder der Schutz von Böden. Nicht zu vergessen, der Schutz der biologischen Vielfalt, denn eine hohe Biodiversität schafft resiliente Ökosysteme, die uns Menschen auch in Zukunft mit Wasser und Nahrung versorgen.
Diverse Mischwälder zum Beispiel haben die Hitze- und Dürrejahre seit 2018 weit besser überstanden als Fichtenmonokulturen. Diverse Wälder sichern Hänge vor dem Abrutschen bei Starkregen und Täler vor Überflutungen. In Städten spenden große alte Bäume Schatten und filtern Feinstaub. Strukturreiche, artenreiche Grünanlagen dienen nachweislich der psychischen Gesundheit. Diverse Kulturlandschaften mit Bäumen, Hecken und kleinen Gewässern, mit Wiesen, Weiden, Feldern und regionalen Wertschöpfungsketten sichern dauerhaft unsere Ernährung und versorgen uns mit sauberem Trinkwasser. Sie sind vielleicht weniger produktiv, dafür jedoch stabiler und resilienter. Biodiversität funktioniert dabei wie ein gemischter Aktienfonds. Für eine einzelne Art oder Aktie können die Leistungen und Gewinne kurzfristig höher sein; der diverse Fonds ist dafür stabiler.
All das zeigt, Risiken gibt es verschiedene. Nur die offensichtlichen und drängendsten zu betrachten, mag kurzfristig richtig erscheinen. Langfristig wird es die Herausforderungen insgesamt vergrößern und uns vor enorme neue Probleme stellen. So wird aus einer kurzfristigen Politik schnell eine kurzsichtige.
Katrin Böhning-Gaese ist Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und Professorin für Biodiversität im Anthropozän an der Universität Leipzig. Sie ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften, Leopoldina.
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Susanne Hufe
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Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt und erarbeiten Lösungsoptionen. In sechs Themenbereichen befassen sie sich mit Wasserressourcen, Ökosystemen der Zukunft, Umwelt- und Biotechnologien, Chemikalien in der Umwelt, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg circa 1.100 Mitarbeitende. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.
www.ufz.deDie Helmholtz-Gemeinschaft identifiziert und bearbeitet große und vor allem drängende Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Ihre Aufgabe ist es, langfristige Forschungsziele von Staat und Gesellschaft zu erreichen. Damit sollen die Lebensgrundlagen der Menschen erhalten und sogar verbessert werden. Helmholtz besteht aus 19 naturwissenschaftlich-technologischen und medizinisch-biologischen Forschungszentren.
www.helmholtz.de