Standpunkt vom 14. Juni 2012

Falscher Alarm: „Kosten-Tsunami“ und Planwirtschaft durch die Energiewende?

Ein Standpunkt von Erik Gawel, Paul Lehmann, Sebastian Strunz und Klaas Korte

UFZ-Ökonom Prof. Dr. Erik Gawel und seine Mitarbeiter Dr. Paul Lehmann, Dr. Sebastian Strunz sowie Klaas Korte verteidigen das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gegen Kritik aus Politik und Wirtschaft. In ihrem Standpunkt „Falscher Alarm: Kosten-Tsunami und Planwirtschaft durch Energiewende?“ weisen sie die Vorwürfe zurück, das EEG sei an steigenden Strompreisen Schuld und die Energiewende insgesamt unbezahlbar. Die Wissenschaftler fordern, die Energiewende mit Verantwortung voranzutreiben. Und sie fordern mehr Produzenten-Wettbewerb auf dem Strommarkt.

Sind die Kosten der ausgerufenen Energiewende beherrschbar? Allerorten werden derzeit Zweifel angemeldet. Droht gar eine Renaissance der Planwirtschaft im Energiesektor? Vor allem das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) wird regelmäßig als überteuertes, ja überflüssiges Instrument geschmäht. Justus Haucap, Chef der Monopolkommission, warnt vor einem „Kosten-Tsunami“, der auf die deutschen Stromverbraucher zurolle. Hans-Werner Sinn, ifo-Chef in München, sieht Deutschland auf einer „energiepolitischen Geisterfahrt“ und hält das Wendemanöver für den „Luxus einer Überflussgesellschaft“. Und für den FDP-Fraktionsvorsitzenden Brüderle hat das EEG „ausgedient“, denn es führe zur Überförderung, lähme Innovationen, treibe Kosten und riskiere die Versorgungssicherheit, ja sogar die Energiewende selbst. Im Zentrum der harschen Kritik stehen die vom EEG langfristig garantierten Vergütungen für Strom aus erneuerbaren Quellen. Diese finanzieren die deutschen Stromverbraucher über einen Aufschlag auf den Strompreis, die sogenannte EEG-Umlage. Eine Studie der TU Berlin schätzt allein die bis zum Jahr 2030 durch die EEG-Umlage anfallenden Ausgaben auf 250 Mrd. Euro. Dazu kämen noch 85 Mrd. Euro an indirekten Kosten, vor allem für den notwendigen Netzausbau. Insgesamt also 335 Mrd. Euro - das klingt bedrohlich. Doch was kostet die Energiewende wirklich? Und kann sie uns diesen Preis wert sein?

Was kostet die Energiewende?

Die meisten Kostenschätzungen basieren auf einer einfachen Rechnung: den sogenannten Differenzkosten der EEG-Förderung. Dazu zieht man von den gezahlten Vergütungen die Verkaufserlöse des EEG-Stroms an der Strombörse ab. Bei dieser Rechnung muss beachtet werden, dass Strom auf dem Spotmarkt ohne das EEG teurer wäre, weil die Erneuerbaren den Börsenpreis in der Regel senken. Doch selbst dann hat die Rechnung einen entscheidenden Makel: Der heutige Großhandelsstrompreis taugt gar nicht als Referenzwert für die wahren Kosten für Strom aus Kohle, Gas und Atomkraft. So werden etwa die externen Klimakosten – trotz Emissionshandels - bei diesem schiefen Vergleich nicht vollständig berücksichtigt: Auch bleiben viele andere externe Kosten der Energiebereitstellung unberücksichtigt: von der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko über die Entsorgung von Atommüll bis hin zu Risiken der Importabhängigkeit von politisch instabilen Ländern. Unter Ökonomen galt bislang, dass nur gesamtwirtschaftliche Kosten die wahren Knappheiten zum Ausdruck bringen; in der Energiedebatte scheint dies nicht mehr zu gelten: Es sind aber nicht die aktuellen Marktpreise, die uns die ökonomische und ökologische Wahrheit über Energieträger sagen. Sie sollten daher für volkswirtschaftlich relevante Wirtschaftlichkeitsvergleiche ebenso wenig herangezogen werden wie für langfristige Pfadentscheidungen der Energiepolitik. Eine umfassende Betrachtung auf der Basis der tatsächlichen volkswirtschaftlichen Kosten kann die Diskussion kurzerhand auf den Kopf stellen. Aktuelle Studien zeigen, dass die gesamtwirtschaftliche Bilanz der Energiewende – auch ohne die ökologischen Folgekosten zu berücksichtigen - in einigen Jahrzehnten positiv ausfallen dürfte. Fairerweise muss eine gesamtwirtschaftliche Kostenrechnung natürlich auch die externen Kosten der Erneuerbaren selbst in den Blick nehmen, etwa die „Verspargelung“ der Landschaft mit Windrädern. Es wird jedoch klar: Die „Tsunami-Warnungen“ der letzten Wochen erscheinen reichlich vorschnell und stehen überdies methodisch auf äußerst wackligen Beinen. Nicht jeder jetzt in die Energieinfrastruktur investierte Euro stellt Zusatzkosten der Wende dar; und steigen werden die Energiepreise in jedem Fall – vor allem langfristig: Die Erneuerbaren werden in Zukunft die Strompreise gerade stabilisieren, wenn fossile Energie immer teurer wird.

Der Blick muss also von den Kosten wieder stärker auf die eigentlichen ökonomischen Gründe für die Förderung der erneuerbaren Energien gelenkt werden. Fakt ist: Auf der Basis der aktuellen Marktpreise ist ein fairer Technologiewettbewerb nicht organisierbar. Und die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen und auch Preiskorrekturen vorzunehmen ist noch keine Planwirtschaft. Eine rein marktliche Energieversorgung hat es nie gegeben und ist offensichtlich auch gar nicht sinnvoll. Die heutige Infrastruktur aus Kraftwerken und Netzen wurde in den vergangenen Jahrzehnten ebenso wie der dazugehörige Regulierungsrahmen für eine zentralisierte Stromerzeugung aus kontinuierlich verfügbaren Energieträgern optimiert und durch technologiepolitische Interventionen gesteuert. Die dabei getätigten langfristigen Investments führen dazu, dass die Umstellung des Systems auf dezentrale, erneuerbare Technologien mit volatiler Erzeugung betriebswirtschaftlich keinen Sinn ergibt, auch wenn sie volkswirtschaftlich wünschenswert wäre. Die Barrieren beim nötigen Pfadwechsel können nicht alleine durch den Emissionshandel überwunden werden. Vor diesem Hintergrund verzerrt die gegenwärtige Förderlandschaft also nicht den Wettbewerb zwischen den Energieträgern, sondern schafft erst ein Mindestmaß an gleichen Bedingungen.

Quote als Scheinlösung

Natürlich stellt sich dabei die Frage nach dem Wie der Förderung. Die vielgelobte Quotenlösung als Alternative zum EEG setzte die Erneuerbaren untereinander unter Wettbewerbsdruck. Das hätte auf den ersten Blick den Charme, dass nur noch in jene Technologien investiert werden würde, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt am günstigsten sind - also vor allem Windkraft und Biomasse. Doch allein mit Wind und Mais lassen sich die ambitionierten Ziele der Bundesregierung – 80% Ökostromerzeugung im Jahr 2050 – kaum erreichen. Dafür wird die gesamte Palette der erneuerbaren Energieträger gebraucht – jedenfalls wenn der Strom zu hundert Prozent in Deutschland erzeugt werden soll. Zu diesem Strommix der Zukunft wird auch die vielgeschmähte Photovoltaik gehören müssen, die im Übrigen gerade unter dem EEG enorme Kostensenkungen erreicht hat. Damit die Förderung die Stromverbraucher in Zukunft nicht teuer zu stehen kommt, muss der technologische Fortschritt schon heute auf breiter Front durch die differenzierte Förderung aller erneuerbaren Technologien vorangetrieben werden. Ganz abgesehen davon erhöhen Quotenlösungen die Unsicherheit von Ökostrominvestments erheblich, da die Vergütung eben nicht fest, sondern marktabhängig und volatil ist. Insbesondere die Erfahrung in Großbritannien hat gezeigt, dass diese Unwägbarkeiten den Ausbau der Erneuerbaren massiv behindern und verteuern und schlussendlich sogar zum Scheitern der Quote führen können.

Wie weiter mit der EEG-Förderung?

Dies ist kein Freibrief für beliebige Marktinterventionen. Natürlich soll die Energiewende möglichst kostengünstig von statten gehen. Hektische Absenkungen der EEG-Vergütungen schaden da bisweilen mehr als sie nutzen: Das politische Gezerre der letzten Monate um die erneute Reduzierung der erst wenige Wochen alten Fördersätze des EEG 2012 für Photovoltaik war klar kontraproduktiv: Bis heute wurden die Vergütungen nicht gesenkt, aber das Vertrauen in eine verlässliche Energiepolitik beschädigt – Gift für die dringend benötigten privaten Investments in Erneuerbare, Kraftwerksbau und Netze. Es müssen Wege gefunden werden, zukünftig Marktüberhitzungen wie im Photovoltaikbereich zu vermeiden, gleichzeitig aber die langfristigen Investitionsanreize zu erhalten. Geklärt werden muss zudem, wer in Zukunft die Kosten der Energiewende tragen soll. Bislang belastet die EEG-Umlage vor allem die privaten Verbraucher und kleine und mittlere Unternehmen. Der weitere Anstieg der EEG-Umlage könnte schon dadurch gebremst werden, dass der Kreis befreiter Unternehmen begrenzt wird: Ohne die Befreiungen der stromintensiven Produktion könnte die Umlage um bis zu ein Viertel niedriger ausfallen. Die privilegiertesten Unternehmen profitieren sogar über die Senkung der Großhandelspreise mehr vom EEG als sie selbst beitragen! Eine höhere Beteiligung der stromintensiven Industrie erscheint vor diesem Hintergrund durchaus gerechtfertigt.
Nicht übersehen werden darf aber auch, dass die diversen Umlagen auf den Strompreis keineswegs nur finanzielle Lasten bedeuten: Die Energiewende besteht nämlich nicht nur aus dem Umstieg auf andere Energieträger, sondern wird nur gelingen, wenn auch der Strombedarf insgesamt zurückgeht. Die Bundesregierung strebt bis 2050 eine parallele Minderung des Strombedarfs um 25% an. Nur: Wie soll dies gelingen jenseits von Glühbirnenverbot und Ökolabeln für Kühlschränke und bei gleichzeitiger Elektrifizierung des Verkehrs? Die Umlagen wirken hier wie eine zusätzliche Stromsteuer und tragen gerade auf marktwirtschaftliche Weise zu Stromsparanreizen bei.

Fazit

Die Transformation des Energiesystems hin zu nachhaltiger Stromerzeugung ist eine „Herkulesaufgabe“, die zweifellos kurzfristig auch zusätzliche Kosten mit sich bringt und staatliche Eingriffe erfordert, vor allem aber langfristige Erträge abwirft. Der Vergleich mit den Kosten fossiler und nuklearer Stromerzeugung muss dabei mit fairen Mitteln geführt werden. Vieles deutet darauf hin, dass die Gesellschaft langfristig von der Energiewende profitieren wird. Auch wird die Energieversorgung der Zukunft in jedem Falle teurer werden. Gegenteilige Illusionen zu nähren wäre ebenso fatal wie die Augen vor den offensichtlichen sozialen Folgekosten einer fossil-nuklearen Energieversorgung zu verschließen. Wen aber durchaus zu Recht die Sorge um die Höhe der Stromrechnung umtreibt, muss jedoch nicht die Energiewende torpedieren. Schließlich steigen die Endverbrauchspreise für Strom seit Jahrzehnten zuverlässig mit oder ohne EEG. Wer schlanke Preise will, muss in erster Linie für mehr Wettbewerb zwischen den Stromproduzenten sorgen. Eine stärker dezentralisierte Versorgungslandschaft mit Erneuerbaren und starken Stadtwerken kann langfristig ebenso dazu beitragen wie mündige Verbraucher, die öfter mal ihren Versorger wechseln.
Dass der Staat derzeit eine treibende Rolle bei der Energiewende spielt, liegt in der Natur der Sache und hat mit Planwirtschaft erst einmal wenig zu tun. Viel wichtiger als ein Zuviel oder Zuwenig an Regulierung im Detail ist die fehlende Verlässlichkeit der politischen Rahmenbedingungen und der zu kurzfristige Planungshorizont. Auf dem noch weiten Weg zu einem nachhaltigen Energiesystem tut Wachsamkeit in Punkto Wirtschaftlichkeit durchaus not, Tsunami-Fehlalarme hingegen lenken nur von den wirklichen Herausforderungen ab.

Die Autoren forschen in der Helmholtz-Allianz "Zukünftige Infrastrukturen der Energieversorgung", Link: www.helmholtz.de/index.php?id=2270 sowie www.energy-trans.de

Prof. Dr. Erik Gawel ist Umwelt- und Energieökonom und lehrt Volkswirtschaftslehre an der Universität Leipzig. Dort ist er Direktor des Instituts für Infrastruktur und Ressourcenmanagement und arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) als stellvertretender Leiter des Departments Ökonomie. erik.gawel@ufz.de

Dr. Paul Lehmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Department Ökonomie. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Umwelt- und Ressourcenökonomik und Neue Institutionenökonomik, insbesondere die Bewertung umweltpolitischer Instrumente und ihrer Kombinationen in den Bereichen Klima-, Energie-, Wasser- und Landwirtschaftspolitik. paul.lehmann@ufz.de

Dr. Sebastian Strunz und Dipl.-Volksw. Klaas Korte sind ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiter im Department Ökonomie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).

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Prof. Erik Gawel

Prof. Dr. Erik Gawel ist Umwelt- und Energieökonom und lehrt Volkswirt-schaftslehre an der Universität Leipzig. Dort ist er Direktor des Instituts für Infrastruktur und Ressourcenmanagement und arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) als stellvertretender Leiter des Departments Ökonomie.

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