- Themenschwerpunkt Oktober 2021: Finanzwirtschaft und Biodiversität -

„Zentralbanken und Aufsichtsbehörden könnten einiges bewirken“

Im NeFo-Interview: Matthias Täger, London School of Economics and Political Science (LSE)


Der Verlust der biologischen Vielfalt hängt maßgeblich mit dem Wachstumsziel der Weltwirtschaft und dem Streben nach Profitmaximierung zusammen. Die Natur war Jahrhunderte lang eine reine Goldgrube für die Ausbeutung von Ressourcen. Doch das System stößt schon lange an seine Grenzen.
Dennoch scheinen die Märkte sich nicht darum zu scheren. Hinter den Wirtschaftsunternehmen, die den Konsum weltweit bedienen, stehen Finanzunternehmen, die das nötige Geld für die Ausbeutung der Natur zur Verfügung stellen, und gehörig davon profitieren. Dabei bleibt dieser enorm mächtige Sektor meist undurchsichtig und im Hintergrund. Welche Rolle hat der Finanzsektor aber in der Biodiversitätskrise und wie könnte er bei ihrer Bewältigung einbezogen werden?

NeFo: Herr Täger, welchen Anteil hat das Finanzwesen an der Biodiversitätskrise?

Cartoonbild: Euromünze über Hochhaus- bzw. Banken-Silhouette
Bei Haupttreibern des Biodiversitätsverlusts wie Landnutzung, Klimawandel etc., ist der Finanzsektor überall ermöglichend beteiligt. Bild: geralt / Pixabay

Matthias Täger: Man hätte natürlich gern eine klare Zahl. Direkte Auswirkungen hat das Bankwesen an sich eher weniger, Sie meinen aber ja hier die indirekten Auswirkungen durch die Finanzierung. Bei Haupttreibern wie Landnutzung, Klimawandel etc., ist der Finanzsektor überall ermöglichend beteiligt. Hier jetzt auseinander zu dividieren, wer wie viel Schuld etwa an Abholzung trägt, das Agrarunternehmen, die Bank, ist a) schwierig und b) auch nicht unbedingt sinnvoll, denn das eine wäre ohne das andere nicht möglich. Von daher kann man sagen, dass das Finanzwesen ganz erheblich zum Biodiversitätsverlust beiträgt, aber nicht allein verantwortlich ist.

NeFo: Das Umweltbundesamt erfasst in einem Bericht, der jetzt gerade neu erschienen ist, die umweltschädlichen Subventionen des Bundes zusammen. 2012 waren es wohl 57 Mrd. Euro. Gibt es Versuche, solche Zahlen auch für den Finanzsektor zu erfassen? Wie viel der Investitionsmasse in biodiversitätsschädliche Wirtschaftsaktivitäten fließt?

Matthias Täger: Es gibt Pilotprojekte von Versicherern, die das für bestimmte Indikatoren versuchen, etwa für Artenzahlen im Umfeld von Aktionsfeldern bestimmter Unternehmen. Aber das ist alles noch sehr begrenzt, auch methodisch. Denn es ist sehr komplex, am Ende auch vergleichbare Daten zu ermitteln, die besagen, wieviel die Abholzung, die Intensivierung von Landwirtschaft oder der Abbau von Rohstoffen zum Biodiversitätsverlust beitragen. Die Datenlage ist da sehr dünn, sodass man sich die Frage stellen muss, was man mit diesen Informationen gewinnen würde, wenn man die grundsätzlichen Treiber des Biodiversitätsverlustes doch schon kennt und handeln könnte.

NeFo: Wie könnte dieses Handeln denn im Finanzwesen aussehen?

Matthias Täger: Da gibt es im Prinzip zwei wesentliche Ansätze. Zum einen die direkte Regulierung durch Einführung von Nachhaltigkeitskriterien. Das ist der Ansatz etwa der EU, die in ihrer kürzlich eingeführten sogenannten EU-Taxonomie definiert, was grüne Finanzprodukte leisten müssen, um als nachhaltig zu gelten. Das ist super und wahnsinnig wichtig. Was sie allerdings nicht tut und was meines Erachtens nach noch viel wichtiger wäre, ist klar zu definieren, nach welchen Kriterien umweltschädliche Produkte ermittelt werden können. Also zu identifizieren, welche die schädlichen Produkte sind und dann zu fragen, ob wir das wirklich wollen

NeFo: Also das Pendant zur Teerlunge auf den Zigarettenpackungen?

Matthias Täger: Genau! Ein weiterer Ansatz liegt in der Erfassung des Finanzrisikos, den verfolgen wir in unserer Arbeit gemeinsam mit dem NGFS, einem Zusammenschluss von Zentralbanken und Finanzmarktaufsichtsbehörden. Die haben ein juristisches Mandat, den Finanzmarkt zu beaufsichtigen. Hier hat man bereits erkannt, dass der Klimawandel und die Reaktionen der Gesellschaft darauf, also technologische Anpassungen, Gesetzgebungen etc., ein Finanzrisiko darstellen. Wenn etwa eine Bank viel in einen Gaskonzern investiert hat und dann die Preise einbrechen, entsteht ein enormer Wertverlust innerhalb eines Bankportfolios. Und analog dazu entwickeln wir jetzt Argumente, konzeptionelle Ansätze etc., um diesen Risikoansatz für das Biodiversitätsthema einzusetzen. Es geht darum, zu beantworten, was ein weitergehender Verlust der Biodiversität für das Finanzsystem bedeuten würde, aber auch, was effektive politische Maßnahmen hier bewirken würden.

Cartoon-Bild: Erdkugel mit Maske + Viruspartikel
Die COVID19-Pandemie hat massive Auswirkungen auf die Wirtschaft und stellt somit ein „physisches Risiko“ für die Finanzwelt dar. Bild: fernandozhiminaicela / Pixabay

NeFo: Wie sähen denn für die beiden Ansätze praktische Beispiele aus?

Matthias Täger: Zur Terminologie: Man unterscheidet da zwischen den physischen Risiken und den Transitionsrisiken. Als physisches Risiko wird derzeit gerne COVID19 genannt. Denn die Treiber des Biodiversitätsverlustes sind gleichzeitig auch die Treiber einer Häufung von Zoonosen, also von Infektionskrankheiten, die von Tieren auf den Menschen übergreifen. Wir haben ja gesehen, welche Auswirkungen eine solche Pandemie auf die Wirtschaft hat. Ein anderes Beispiel ist die Pharmaindustrie, die extrem auf Artenvielfalt angewiesen ist. Die meisten Krebsmedikamente beispielsweise basieren auf Ausgangsstoffen aus der Natur. Und natürlich die Agrarwirtschaft, die ganz direkt auf Leistungen der Natur angewiesen ist, die nur intakte Ökosysteme liefern.
Transitionsrisiken wären dagegen etwa die Einschränkungen, die eine Ausweitung von Schutzgebieten für die Fischerei, Land- oder Forstwirtschaft mit sich bringen. Oder auch das Verbot bestimmter Produkte wie Pestizide, oder auch die Bauindustrie, die weniger Raum oder auch bestimmte Rohstoffe zur Verfügung hätte.

NeFo: Und sind diese Kosten bzw. Risiken schon erhoben worden?

Matthias Täger: Die Niederländische Zentralbank DNB hat meines Wissens als erste solche Zahlen in einer Studie erhoben, die Banque de France hat vor zwei, drei Monaten nachgezogen. Es gibt da also erste Versuche.

NeFo: Zum Klimawandel wird ja schon seit dem Sternreport beschrieben, dass die Kosten für Nichthandeln die Kosten konsequenten Handelns weit übersteigen würden. Ist es das Ziel, solche Aussagen dann auch mit konkreten Zahlen zum Biodiversitätsverlust machen zu können?

Matthias Täger: Soweit wie beim Klimawandel sind wir tatsächlich noch nicht. Und es ist auch nicht wahrscheinlich, dass wir dort in absehbarer Zeit hinkommen. Denn das Biodiversitätsthema ist enorm komplexer als der Klimawandel. Da gibt es ein 1,5-Grad-, ein 2-Grad- und ein 3-Grad-Szenario. Was ist denn ein Biodiversitätsszenario? Wir wissen noch nicht einmal, welche Szenarien wir vergleichen sollten.
Aber natürlich wissen wir auf abstrakter Ebene längst aufgrund der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte, dass diese Risiken vehement sind. Es ist sicherlich allen klar, dass es ohne Biodiversität auf unserem Planeten keinen Profit und auch keine Jobs gibt. Dass wir das noch in Dollar berechnen müssen, ist meines Erachtens traurig, aber leider reagiert das juristisch geprägte Finanzwesen eher auf Risiko als auf Werte. Unser Ansatz ist also ein pragmatischer. Nichtsdestotrotz: Das Bewusstsein im Finanzwesen wächst, vor allem in Europa aber auch in einigen Biodiversitätshotspots in Lateinamerika wie etwa Mexiko oder Costa Rica.

NeFo: Könnten hier Szenarien genutzt werden, mit denen der Weltklimarat IPCC und der Weltbiodiversitätsrat IPBES in ihren Assessments arbeiten? (Anmerkung von NeFo: Ergänzende Informationen finden sich in der Infobox)

Szenarien, mit denen der IPCC und IPBES in ihren Assessments arbeiten:
  1. „Globale Nachhaltigkeit“: Proaktive Umweltpolitik, nachhaltige Produktion, geringe Treibhausgasemissionen;
  2. „Regionaler Wettbewerb“: Starke Handelsbarrieren, wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, hohe Emissionen;
  3. „Wirtschaftlicher Optimismus“: Schnelles Wirtschaftswachstum, geringe Umweltauflagen, sehr hohe Treibhausgasemissionen.

Matthias Täger: Ja klar, die müssten dann eben noch in makroökonomische Szenarien übersetzt werden. Und darin liegt die Schwierigkeit. Es gibt viele, die daran arbeiten, etwa die Weltbank, einige Zentralbanken und akademische Einrichtungen.

NeFo: Wer sind denn die Vorreiter oder Triebkräfte hin zu diesem Risikobewusstsein?

Matthias Täger: Versicherungsunternehmen sind hier sicherlich prädestiniert, denn die müssen längerfristig denken. Das Geld, das sie über ihre Policen einnehmen, muss ja angelegt werden, gleichzeitig müssen sie Risiken abschätzen, um nicht zu viel Kapital zu verlieren. Deshalb verstehen Versicherungen vielleicht mehr als andere Unternehmen, dass ein Zusammenbruch des Systems sie unmittelbar betrifft. Sie sind vielleicht allgemein etwas sensibilisierter, arbeiten mit Naturschutzorganisationen zusammen, auch um zu verstehen, was läuft. Und natürlich Aufsichtsbehörden und Zentralbanken, auch jetzt durch das NGFS. Die Institutionen mit der stärksten Wirkkraft, die Finanzministerien, stehen da noch sehr hinten an. Zumindest beim Biodiversitätsthema. Es gibt zwar schon eine Finanzministerkoalition zum Thema Klimawandel. Es wäre natürlich toll, wenn die das Biodiversitätsthema integrieren, und noch besser, wenn sie auch noch entsprechend handeln würden.

NeFo: In der Realität werden finanzielle Risiken oder Kosten ja gern von der Privatwirtschaft auf die Gesellschaft übertragen, wodurch es keine Risiken mehr sind. Funktioniert der Risiko-Ansatz denn dann überhaupt bzw. setzen Sie das Verursacherprinzip in Ihrer Studie voraus?

Matthias Täger: Das ist natürlich wirklich so. Allerdings arbeiten wir nicht mit Gesetzgebern zusammen, die hier die entsprechenden Weichen stellen könnten. Aber das Finanzwesen arbeitet ja immer antizipativ. Es geht immer darum, was in der Zukunft passieren könnte. Und unser vorhin erklärter Transitionsrisiko-Ansatz greift das auf. Hier versuchen wir, die Perspektive zu eröffnen, was es für die Finanzwelt bedeutete, wenn tatsächlich zukünftig für biodiversitätsschädigendes Verhalten Kosten anfielen. Und dann könnten neue Konzepte entstehen.

NeFo: Ziel 14 des GBF First Draft, der bei der CBD COP-15 in Kunming verhandelt werden soll, lautet ja, alle Finanzströme sollen auf das Nachhaltigkeitsziel ausgerichtet werden. Das klingt toll, aber auch sehr unkonkret. Welche Optionen gäbe es denn aus Ihrer Sicht, dieses zu erreichen?

Matthias Täger: Die naheliegendste Option wäre natürlich, die Realwirtschaft entsprechend zu regulieren und dann entsprechend die Finanzwirtschaft folgen zu lassen. Aber auch am Finanzsystem gäbe es eine Menge Stellschrauben. Man könnte die Regeln für Assetmanager viel strenger gestalten, also welche Regeln sie beachten müssen, wenn sie mit fremdem Geld umgehen. Das gilt auch für Pensionsfonds. In den meisten Ländern wird versucht, so viel Profit wie möglich damit zu generieren. Hier wäre es schön, wenn darüber hinaus ein rechtlicher Rahmen geschaffen würde, der Anleger auch garantieren könnte, dass durch ihr Geld nicht die Zukunft ihrer Kinder und Enkelkinder ruiniert wird. Das wäre Aufgabe der Finanzministerien der Nationen, also des Gesetzgebers.

NeFo: Sollten solche konkreten und zentralen Aspekte nicht in die neuen Ziele der CBD aufgenommen werden?

Matthias Täger: Ja, natürlich wäre das richtig gut. Sogenannte treuhänderische Pflichten sind bisher nicht global festgelegt. Immerhin hat man sich in der jüngeren Vergangenheit darauf geeinigt, dass auf Nachhaltigkeit zu achten zumindest nicht verboten ist, ja? (lacht)

Weitere Stellschrauben könnten sich bei der Rechnungslegung finden, also die Offenlegung der Aktivitäten durch die Unternehmen. Die Unternehmen könnte man auch verpflichten, nicht nur ihre Umsätze und Gewinne offen zu legen, sondern auch die Auswirkungen ihres Handelns auf die Biodiversität, ähnlich wie das jetzt im Rahmen der Lieferkettengesetze versucht wird. Dies müsste dann aber auch noch auf die Finanzmarktakteure ausgeweitet werden, die zu ihren Portfolien dann die entsprechenden Informationen liefern, um ihren Kunden eine informierte Entscheidung zu ermöglichen. Dazu müssten dann eben klare Definitionen geschaffen werden, was „grün“ ist, was die EU-Taxonomie ja auch schon gut macht. Aber das müsste noch spezifischer auf Biodiversität ausgearbeitet und, wie gesagt, es müsste ein Pendant geschaffen werden, das besagt, was biodiversitätsschädlich ist.

Kraftwerkschlote
Risiege Summen wurden während der Finanzkrise 2008 und während der anhaltenden COVID-Krise ins Finanzsystem gepumpt. Sie gehen um ein Vielfaches über das hinaus, was bisher für fiskalpolitische Maßnahmen gegen den Klimawandel eingesetzt wurde. Bild: Catazul / Pixabay

NeFo: Welches Potenzial sehen Sie in Ihrem Ansatz der Risikoregulierung?

Matthias Täger: Ein riesiges. Wenn man bedenkt: Die Summen, die während der Finanzkrise 2008 oder auch jetzt während des Wirtschaftseinbruchs aufgrund der COVID-Krise ins Finanzsystem gepumpt wurden, gehen um ein Vielfaches über das hinaus, was für fiskalpolitische Maßnahmen gegen den Klimawandel eingesetzt wurde. Beispielsweise entspricht die Summe, die allein das Zentralbank-System der Vereinigten Staaten FED in drei Jahren zur Abpufferung der Finanzkrise zur Verfügung gestellt hat, dem Zehnfachen der Summe, was die EU bis 2050 zur Abpufferung des Klimawandels versprochen hat. Würden die Aufsichtsbehörden und Zentralbanken jetzt sagen, wir müssen das Finanzsystem gegen einen durch Biodiversitätsverlust drohenden Einbruch schützen, würde das einiges in Bewegung bringen. Da wäre einiges drin! Für diesen Risikoansatz bräuchte es dann nicht einmal gesetzliche Vorgaben, denn die Aufsichtsbehörden und Zentralbanken haben das Mandat bereits, Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Wenn die Finanzministerien nicht aktiv werden, bleiben eben noch diese Akteure übrig, weshalb wir in unserem Projekt auch mit diesen zusammenarbeiten.

NeFo: Ihr Abschlussbericht des Projektes soll im Januar vorgelegt werden. Wen und was soll er erreichen?

Matthias Täger: Hauptsächlich das NGFS und Organisationen, die dort Mitglieder sein könnten und es noch nicht sind, also vor allem Zentralbanken und Aufsichtsbehörden. Der Bericht soll eine Art Handbuch dafür sein, zu verstehen, welche Bedeutung Biodiversität hat und welche Auswirkungen ihr Verlust für Wirtschaft und Finanzwelt haben kann. Wie kann ich die Auswirkungen des Finanzsystems meines Landes – die funktionieren sehr unterschiedlich – verstehen und messen? Welche Handlungskonzepte gibt es? Das möchte der Bericht leisten. Und auch den analytischen Blick in die Zukunft, also was noch erforscht werden muss, damit Zentralbanken und Behörden auch handeln können.

NeFo: Wie sehen solche Handlungsoptionen konkret aus?

Matthias Täger:

  1. Die Zentralbanken könnten gemeinschaftlich erfassen, welche Auswirkungen der Biodiversitätsverlust oder auch biodiversitätsschützende Regulierungen auf die Preisstabilität hätten und hier Risiken messen.
  2. Die Zentralbanken könnten auch die Kapitalanforderungen für Banken an solche Risiken knüpfen. Wenn also eine Bank einem Agrarunternehmen das Geld für ein Projekt gibt, bei dem Regenwald abgeholzt werden soll, könnte das als hochriskant eingestuft werden, wofür mehr Kapital zur Absicherung zurückgelegt werden muss, was es für die Bank weniger attraktiv machen würde, hier zu investieren.
  3. Zentralbanken leihen anderen Banken Geld. Dafür müssen diese Sicherheiten vorlegen und die Zentralbanken definieren dabei, was sie als Sicherheiten akzeptieren. Wenn sie beispielsweise keine Shell-Aktien mehr akzeptieren würden, würde das die Attraktivität solcher Konzerne auf dem Aktienmarkt wesentlich reduzieren. Und damit auch deren Geschäftsmodelle. 
  4. Das gilt aber genauso für die Zentralbanken selbst, denn diese kaufen seit der Finanzkrise massenhaft Finanzmarktprodukte. Würden diese flächendeckend akzeptieren, dass Biodiversitätsverlust eine Gefährdung des Finanzsystems bedeutet, würden sie vermutlich aufhören, Aktien von Firmen zu kaufen, die diesen Verlust befeuern. Das wäre ein riesiger Schritt.

NeFo: Der Bericht soll ja auch bei der CBD COP in Kunming vorgestellt werden. Welche Wirkung auf die Verhandlungen erhoffen Sie sich dadurch? 

Matthias Täger: Natürlich wäre es, wie Sie ja schon sagten, wünschenswert, wenn dieses Ziel 14 konkretisiert würde. Es wäre aber auch viel wert, wenn das Problem des Biodiversitätsverlustes im Finanzwesen und das dadurch entstehende Risiko für das Finanzsystem von den Regierungen wahrgenommen werden würde. Damit sich das Finanzsystem in den kommenden Jahren entsprechend vorbereiten kann und Planungssicherheit hat. Denn klar ist: Der Finanzsektor wird nicht vorangehen. Dafür ist die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen viel zu lukrativ.

NeFo: Sie arbeiten ja in London. Haben Sie Großbritannien für Ihre Interessensfelder aktiv gewählt? Ist das Land hier womöglich Vordenker?

Matthias Täger: Innerhalb des „Grünen Finanzwesens“ würden viele London definitiv als DAS Zentrum schlechthin bezeichnen. Das ist auch definitiv der Grund, weshalb ich für meine Forschung hierhergekommen bin. Es wird hier auch die entsprechende Infrastruktur aufgebaut. Es gibt das Green Finance Institute, die britische Regierung will London zum grünen Finanzzentrum machen. Neben London ist Paris ein weiteres wichtiges Zentrum, nicht zuletzt angestoßen durch das Pariser Klimaabkommen. Luxemburg wäre außerdem noch zu nennen.

NeFo: Herr Täger, vielen Dank für dieses interessante Gespräch!


Matthias Täger, Doktorand an der LSE.
Matthias Täger, Doktorand an der LSE. (Bild: privat)

Der Interviewpartner Matthias Täger ist Doktorand an der LSE im Department „Environmental Policy & Development“. Er unterstützt die vom „International Network for Sustainable Financial Policy Insights, Research, and Exchange (INSPIRE) und dem „Network for Greening the Financial System“ (NGFS) gemeinschaftlich eingerichtete Studiengruppe zu „Biodiversity and Financial Stability“. Das NGSF ist ein weltweites Netz von Zentralbanken und Aufsichtsbehörden, das sich für ein nachhaltigeres Finanzsystem stark macht. Es hat zum Ziel, die Folgen des Klimawandels für das Finanzsystem zu analysieren und globale Finanzströme dahingehend umzulenken, dass ein kohlenstoffarmes Wirtschaftswachstum ermöglicht wird. Die Bundesbank gehört, ebenso wie die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), zu den Gründungsmitgliedern des NGFS. Matthias Täger war beteiligt an einem Interimsbericht mit dem Titel „Biodiversity and financial stability; building the case for action“, der am 8. Oktober veröffentlicht wurde und der den Biodiversitätsverlust als enormes Risiko für das Finanzsystem benennt.