- Gastbeitrag November 2021 -

Biodiversitätsschädigende Finanzströme bei der Weltnaturkonferenz 2022

Ein Gastbeitrag von Florian Titze


Die UN-Konvention zur Biologischen Vielfalt (CBD) soll im Mai 2022 auf der Weltnaturkonferenz ein neues politisches Rahmenwerk bekommen. Die knapp 200 Vertragsstaaten werden sich dafür im chinesischen Kunming einfinden, um Maßnahmen und Ziele festzulegen, mit denen sie den schnell fortschreitenden Artenverlust bis 2030 aufhalten wollen. Eine der großen Herausforderungen für ein erfolgreiches Abkommen: In Zukunft dürfen keine Gelder mehr in die Zerstörung unserer Ökosysteme fließen.

Plenary CBD COP-10 (2010)
Bereits 2010 hatte sich die Staatengemeinschaft im Rahmen der inzwischen ausgelaufenen „Aichi-Targets“ auf den Abbau biodiversitätsschädigender Subventionen geeinigt. Bild: IISD / ENB

Das klingt trivial. Doch bereits die 2020 ausgelaufenen „Aichi-Targets“, die das neue Rahmenwerk nun ersetzen soll, hatten den Abbau biodiversitätsschädigender Subventionen (Aichi-Ziel 3) zum Ziel. Passiert ist jedoch wenig. Des Weiteren gehören zu den biodiversitätsschädigenden Finanzströmen nicht nur öffentliche Gelder wie staatliche Subventionen. Auch im privaten Finanzmarkt wird massiv in die Zerstörung der Natur investiert. Daten dafür gibt es wenig, denn weder bestehen in den meisten Ländern Berichtspflichten für die Umwelteinflüsse finanzieller Investitionen, noch sind die Methodiken und Metriken bis heute ausgereift genug, um präzise Daten dafür zu erheben. Ein Ziel, um diese Herausforderung anzugehen, gab es in der CBD bisher nicht. Das muss sich im Mai 2022 ändern.


Biodiversitätsschädigende Subventionen – internationale Versprechen ohne nationale Umsetzung

Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) werden weltweit jährlich über 500 Milliarden US-Dollar für biodiversitätsschädliche Subventionen ausgegeben, fünf bis sechs Mal mehr als für den Erhalt der Biodiversität. Staatliche Subventionen für fossile Brennstoffe, die die Klimakrise anheizen und somit wiederum indirekt der Biodiversität schaden, sind hier noch gar nicht miteinberechnet.

Das Ziel eines umfassenden Abbaus umweltschädlicher Subventionen wurde auch in Deutschland nie erreicht. Laut einer FÖS-Studie fließen in Deutschland Steuergelder in Höhe von 67 Mrd. Euro pro Jahr in Subventionen, die zum Verlust der biologischen Vielfalt beitragen. Zum Vergleich: Deutschland gibt aktuell rund 800 Mio. Euro pro Jahr aus, um den Rest an Natur zu schützen, den es bei uns noch gibt. Deutschland gibt somit über 80-mal mehr an Steuergeldern aus, um Wirtschaftsaktivitäten zu fördern, die die Natur zerstören, als in deren Bewahrung zu investieren. Der Fortschritt in Richtung Aichi-Ziel-3 ist gleich Null. (siehe Global Biodiversity Outlook 5).


Biodiversitätsschutz funktioniert nur gemeinsam mit dem Finanzmarkt

Während das Problem mit den schädlichen Subventionen unter den CBD-Verhandler:innen zumindest anerkannt ist, wurde der Einfluss des Finanzmarkts auf die weltweite Biodiversität bisher ignoriert. Doch die Wirkung der Kapitalströme auf die Artenvielfalt ist riesig. Denn Finanzinstitutionen und private Investoren rechnen ihren Einfluss auf die Umwelt in ihren Gewinnkalkulationen nicht mit ein. Die schädliche Wirkung liegt nahe: Der Finanzmarkt stellt das Kapital für unsere Wirtschaft bereit, in der die meisten Sektoren wiederum direkte oder indirekte Treiber des Biodiversitätsverlustes sind. Betrachtet man darüber hinaus die bloße Größe dieser Geldströme, ist von einem immensen Einfluss des Finanzsektors auszugehen.Die daraus entstehenden Kosten sind auf den ersten Blick nicht finanzieller Art, aber sie sind sehr wohl real. In einem kurzfristig gewinnorientierten System werden sie leicht vernachlässigt. Doch langfristig entziehen sie uns die grundlegenden Bedingungen, die ein gewinnorientiertes Wirtschaften überhaupt erst ermöglichen. Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge beläuft sich der ökonomische Wert der Ökosystemleistungen, also des Nutzens der Natur für unser Leben und Wirtschaften, weltweit auf 125 bis 140 Billionen US-Dollar pro Jahr. Das ist mehr als eineinhalb-mal so viel wie das weltweite Bruttoinlandsprodukt (Costanza et al. 2014).

Biodiversität ist also systemrelevant. Es bleibt einem jeden selbst überlassen, ob man der Natur einen monetären Wert zuteilen möchte oder in ihrem Schutz vor allem einen Selbstzweck sieht. Doch Ökonomen und Investoren kommen nicht um die Realität herum, dass in einer Welt ohne funktionierende Ökosysteme kein Gewinn erzielt werden kann. Entsprechend benennt das Weltwirtschaftsforum (WEF) den Biodiversitätsverlust als eines der fünf größten globalen Risiken der nächsten zehn Jahre (The Global Risks Report 2021).


Biodiversitätsfinanzierung muss ganzheitlich gedacht werden

Die finanzielle Balance wird ein Schlüsselkriterium sein, um in Kunming nicht nur erfolgreich neue Ziele zu formulieren, sondern auch deren Umsetzung in jedem einzelnen der 196 CBD-Mitgliedsstaaten zu ermöglichen. In den Verhandlungen kreisen die politischen Debatten überdimensional um die Frage der Finanzierung – wie viel Geld fließt vom globalen Norden in den globalen Süden und wie viel Geld wird für nationale Umsetzung benötigt. Doch schaffen es die Staaten darüber hinaus nicht, diejenigen Finanzströme in den Griff zu bekommen, die aktuell in viel größerem Maße die globale Zerstörung der Natur befeuern, dann werden wir in 10 Jahren erneut konstatieren müssen, dass trotz großer Worte und schöner Zielformulierungen nur sehr wenig erreicht werden konnte.


Titze
Bild: Florian Titze

Florian Titze ist Politikwissenschaftler und Experte für internationale Politik in den Bereichen Umwelt, nachhaltige Entwicklung und Sicherheit. Aktuell arbeitet er für den WWF Deutschland als Policy Adivsor für internationale Biodiversitätspolitik, hauptsächlich zu internationalen Umweltkonventionen, Biodiversitätsfinanzierung und Vereinte Nationen. Zuvor arbeitete er beim Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York City.