Interviews

H. Joosten

Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joosten

„Es ist gesamtgesellschaftlich absurd, wenn wir einerseits viel Geld für Klimaschutz ausgeben, und andererseits mittels teurer Subventionen eine klimaschädliche Landwirtschaft auf Moorböden fördern.“ 

Moore müssen nass!

„Jetzt gilt es, die landwirtschaftliche Nutzung von Mooren an die sich ändernden gesellschaftlichen Anforderungen anzupassen.“

Sehr geehrter Herr Prof. Joosten, in der aktuellen Klimadebatte setzen Sie sich besonders dafür ein, die Moore verstärkt in den Blick zu nehmen. Warum sind Moore für das Klima so wichtig?

Moore gehören zu den Ökosystemen mit der höchsten Kohlenstoffdichte auf der Erde. Ihre Bedeutung für das Klima wird schnell deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass in Deutschland die Moorböden für 99% der CO2-Emissionen aus landwirtschaftlich genutzten Böden zuständig sind, obwohl Moore nur 6% der landwirtschaftlich genutzten Fläche ausmachen.

Welche Rolle nehmen Moore zu anderen Emissionsquellen ein?

Deutschland gehört zu den Ländern mit den höchsten Treibhausgas(THG)-Emissionen pro Hektar Moorboden. Das liegt daran, dass ein Großteil der Moore entwässert und landwirtschaftlich genutzt wird. Werden Moore entwässert, tritt der in ihnen gebundene Kohlenstoff über Oxidationsprozesse in die Atmosphäre. In einigen Bundesländern hat das gravierende Ausmaße. So sind in Mecklenburg-Vorpommern entwässerte Moore die größte einzelne Emissionsquelle für THG. Für 2008 haben wir festgestellt, dass sie etwa so viel emittieren, wie der gesamte Verkehr, alle Haushalte und die Industrie in dem Bundesland zusammengenommen. Diese rund 6 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente, d.h. 35% von allen durch Menschen verursachten Emissionen, kommen von etwa 13% der Fläche des Bundeslandes. Moore sind damit ein echter „Klima-Hotspot“.

Die Landwirtschaft als Klimasünder?

Über Jahrhunderte haben die Menschen unter größten Mühen Moore in Deutschland entwässert und urbar gemacht. Das entsprach dem richtigen Ziel, Einkommen zu erwirtschaften und die Ernährungssicherheit zu verbessern. Aber seit 20 Jahren haben wir mittlerweile umfassend gesicherte Erkenntnisse über die Klimafolgen dieser Umwandlung von Mooren. Jetzt gilt es, die landwirtschaftliche Nutzung von Mooren an die sich ändernden gesellschaftlichen Anforderungen anzupassen. Es ist gesamtgesellschaftlich absurd, wenn wir einerseits viel Geld für Klimaschutz ausgeben, und andererseits mittels teurer Subventionen eine klimaschädliche Landwirtschaft auf Moorböden fördern. Man kann natürlich nicht hingehen und diese historisch gewachsene Situation einfach für obsolet erklären. Die Klimapolitik darf nicht die einzelnen Landwirte ihrer Erwerbsmöglichkeiten berauben. Allerdings muss es mittelfristig darum gehen, neue Formen der Landnutzung auf nassen Moorböden zu entwickeln. Es gibt mehr als 50 verschiedene landwirtschaftlich nutzbare Pflanzen, die auf nassen Moorböden gut gedeihen. Bisher ist das Wissen dazu − Stichwort Paludikultur − kaum zugänglich. Auch müssen die Anreize für die Landwirtschaft entsprechend geändert werden. Dazu forschen wir.

Dazu diente jetzt auch der „Kleine Moorgipfel“ in Berlin?

Im weiteren Sinne ja. Am 23. Oktober 2013 haben wir eine neue Version der MoorFutures® vorgestellt. Das sind Klimazertifikate über Emissionseinsparungen durch Moor-Wiedervernässung. Diese kann jeder über www.moorfutures.de erwerben. So kompensiert zum Beispiel das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig einen Teil seiner Dienstreisen mittels MoorFutures®. Das Besondere an der neuen Version dieser Zertifikate ist, dass sie weitere ökologische Vorteile, die die Wiedervernässung mit sich bringt, genauer abschätzen können. Die Wiedervernässung fördert zum Beispiel die Biodiversität. Vernässte Moore reinigen darüber hinaus die Gewässer von Schadstoff-Einträgen aus den umliegenden Feldern. Diesen „Premium-Charakter“ haben Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg erkannt und bieten daher bereits MoorFutures® auf dem freiwilligen Kohlenstoffmarkt an. Auf dem Kleinen Moorgipfel wurde die Weiterentwicklung und weitere Verbreitung des MoorFutures-Standards® diskutiert. Die MoorFutures® sind auch ein prominentes Beispiel der Initiative Naturkapital Deutschland: Sie zeigen sehr gut, dass es möglich und notwendig ist, die Ökosystemleistungen dieses Landes besser in Wert zu setzen und zu nutzen – und dass es Instrumente gibt, die dies heute schon ermöglichen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Urs Moesenfechtel
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Prof Dr. Dr. h.c. Hans Joosten leitet die Arbeitsgruppe Moor- und Paläoökologie am Institut für Botanik und Landschaftsökologie der Universität Greifswald. Er ist Generalsekretär der International Mire Conservation Group und arbeitet seit Jahren auch im Rahmen des IPCC zu Mooren. Er hat wesentlich den Verified Carbon-Standard für Klimazertifikate durch Moor-Wiedervernässung mitentwickelt, sowie analog dazu den MoorFutures®-Standard. Der MoorFutures®-Standard wurde 2011-2013 mit Mitteln des BfN weiterentwickelt und um zusätzliche Ökosystemleistungen ergänzt. Augustin Berghöfer hat das Vorhaben am UFZ koordiniert.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.moorfutures.de

Artikel von Herrn Joosten in Nationalpark 3/2014: Die Moorwelt wird nass. Blick in die Zukunft der Moore.

C. v. Haaren

Prof. Dr. Christina von Haaren

„Die klassischen Instrumente, die wir im Umwelt- und Naturschutz verwenden, können durch zusätzliche Informationen über den Wert und die Leistungen der Natur, der Ökosysteme angereichert werden.“ 

„Es werden sich zusätzliche Argumente für den Umweltschutz ergeben.“

Sehr geehrte Frau von Haaren, Sie leiten den Bericht „Ländliche Räume“. Was motiviert Sie an diesem Vorhaben?

Die klassischen Instrumente, die wir im Umwelt- und Naturschutz verwenden, können durch zusätzliche Informationen über den Wert und die Leistungen der Natur, der Ökosysteme angereichert werden. Dadurch werden sich voraussichtlich zusätzliche Argumente für den Umweltschutz ergeben.

Wie verstehen Sie Ihre Rolle als Berichtsleiterin?

Meine Rolle als Berichtsleiterin ist im Wesentlichen koordinierend. Ich versuche die Fachöffentlichkeit für dieses Vorhaben zu gewinnen und das vorhandene große theoretische Wissen und die langjährigen praktischen Erfahrungen zu bündeln. Ich möchte eine Diskussion über die kritischen Fragen anregen, die mit einer „Ökonomisierung“ der Natur verbunden sind. Mir und allen Beteiligten ist es wichtig zu einer transparenten Darstellung der Vorteile − aber auch der möglichen Nachteile − des Ökosystemleistungsansatzes zu gelangen.

Wie kann dieses Vorhaben gelingen?

Die Bereitschaft der Fachöffentlichkeit sich aktiv einzubringen, ist die Grundlage unseres Vorhabens. Diese Bereitschaft ist vorhanden, wie sich inzwischen gezeigt hat. Damit aber unsere Arbeit auch Wirkung zeigt, wäre eine Voraussetzung, dass die neuen Argumente die Bedürfnisse der Politik treffen. Wir hoffen, dass wir Entscheidungsträgern „Bilanzen“ über den Zustand und die Veränderungen von Ökosystemleistungen als Argumentationshilfen anbieten können, die eine verbesserte Kommunikation und Berücksichtigung der Belange des Natur- und Umweltschutzes bewirken.

Sie werden also konkrete Richtlinien- oder Gesetzesvorschläge erarbeiten?

Das ist im Rahmen dieses Vorhabens nicht leistbar. Der Ökosystemleistungsansatz soll bereits bestehende Instrumente nicht ersetzen. Er soll sie aber durch eine Ökonomische Bewertung ergänzen. Die entscheidende Frage ist doch: Welche sozialen und gesellschaftlichen Kosten stehen bestimmten individuellen oder gesellschaftlichen Gewinnen gegenüber? Wie können Individuen oder die Öffentlichkeit, die Verluste hinnehmen müssen, besser oder anders entschädigt werden? Mit den jetzigen Instrumenten werden diese Fragen nicht hinreichend gestellt oder beantwortet. Dabei wäre dies elementar für Entscheidungen.

Steht bei diesen Fragen die Monetarisierung von Ökosystemleistungen im Vordergrund?

Ich vertrete einen breiten Ansatz von Ökosystemleistungen, der sowohl das Angebot der Natur (Kapazität) als auch die derzeitige Inanspruchnahme von Leistungen, den aktuellen Nutzen umfasst. Für die aktuell genutzten Leistungen (häufig auch Güter genannt) ist in der Regel der Input von Kapital oder menschlichen Aktivitäten Voraussetzung. Bei der Beschreibung des aktuellen Nutzens von Ökosystemleistungen wird deshalb eine Monetarisierung möglich und häufig sinnvoll sein. In anderen Bereichen stellt dies aber eine große Herausforderung dar – wie zum Beispiel bei „Erbe-Leistungen“ oder bei nicht direkt genutzten Leistungen. Es ist bisher nicht zufriedenstellend gelöst, wie die Ansprüche zukünftiger Generationen monetarisiert werden können. Wir sollen sie aber gemäß dem Nachhaltigkeit- und Vorsorgeprinzip berücksichtigen. Die Autoren des Berichts haben sich daher auf den Begriff der „Inwertsetzung“ der Ökosystemleistungen verständigt, um damit das methodische Instrumentarium zu erweitern. Wahrscheinlich ist aber, dass bestimmte Belange nach wie vor ausschließlich über rechtliche Standards in die Abwägung eingebracht werden können.

Stehen in diesem Instrumentarium die unterschiedlichen Ökosystemleistungen gleichrangig nebeneinander, oder haben einige einen „höheren Wert“ als andere?

Im Einzelfall kann man durchaus sagen: Hier hat eine Leistung Vorrang vor einer anderen. Besonders in der räumlichen Planung ist dieses an der Tagesordnung. Dabei gilt es, Prioritäten entsprechend der Entscheidungskompetenzen auf der jeweiligen Planungsebene durch demokratisch legitimierte Entscheidungen zu setzen. In vielen Fällen ist aber der Vorrang einer Ökosystemleistung bereits durch Bundes- oder EU-Vorgaben entschieden. Nehmen wir beispielsweise die Fauna-Flora-Habitat-(FFH)-Richtlinie – ihre Vorgaben haben bei Planungsentscheidungen vor Ort Vorrang. Grundsätzlich gilt aber, dass es bei der Bewertung und dem Vergleich von Ökosystemleistungen untereinander nicht um eine vollständige Substituierbarkeit von unterschiedlichen Leistungen gehen darf, sondern dass versucht werden sollte multifunktionale Lösungen zu konzipieren.

Aber kulturellen Ökosystemleistungen werden in der Regel zweitrangig betrachtet...

Dies gilt vor allem für die Landschaftsästhetik und Erholungsleistungen. Sie sind methodisch schwerer zu fassen und nicht so konkret in rechtliche Vorgaben gegossen wie beispielsweise die EU-FFH-Richtlinie oder die Wasserrahmenrichtlinie. Im Bundesnaturschutzgesetz werden Landschaftsbild und Erholung in einer „weichen“ Formulierung angesprochen. Aber gerade im Bereich dieser kulturellen Ökosystemleistungen sind die Präferenzen der örtlichen Bevölkerung in der Regel sehr stark. Wenn man diese Präferenzen nicht nur als „Meinungsäußerung“ in Entscheidungen aufnimmt, entfalten sie auch ihre Wirkung. Beim gescheiterten Nationalpark Elbtalaue in Niedersachsen konnte beobachtet werden wie gering der Einfluss einer bloßen qualitativen Bewertung war: In die Entscheidungen flossen im Wesentlichen die monetarisierten Belange der Landwirtschaft ein. Der kulturelle Mehrwert dieser Landschaft, für die Bewohner oder für den Tourismus hätte möglicherweise durch eine Monetarisierung mehr Gewicht erhalten.

Trotz der Breite des gewählten Ansatzes wird das Konzept der Ökosystemleistungsberechnung von Natur- und Landwirtschaftsverbänden kritisch gesehen. Wie wird bei der Berichtserstellung auf diese Kritik reagiert?

Zu Recht wird auf Gefahren hingewiesen, die eine Einengung der Abwägung auf Nutzen-Kosten-Analysen und die folgende Außerachtlassung von nicht monetarisierbaren Belangen mit sich bringen würde. Wir werden sachlich und transparent, auf der Basis einer breiten Datengrundlage, anhand von vielen Beispielen, die Möglichkeiten, Vor- und Nachteile des Ansatzes aufzeigen. Wir vertrauen auf die Kraft der Sachargumentation und möchten die Diskussion verbreitern.

Aber Landwirten zu sagen, dass nun die Nahrungsmittelproduktion nicht mehr die einzige Ökosystemleistung ist, der sie ihre Aufmerksamkeit schenken müssen, ist nicht leicht...

Die Multifunktionalität der landwirtschaftlichen Flächen ist auch in der Agrarpolitik ein wichtiges Thema. Dass auch Landwirte in dieser Hinsicht sehr flexibel sein können, zeigen viele Beispiele. So haben die Landwirte sehr schnell einen Rollenwechsel vom Nahrungsmittelproduzenten hin zum Energieproduzenten vollzogen – obwohl dies nicht im gängigen landwirtschaftlichen Verständnis von Produktion angelegt gewesen ist.

Das Thema Energieerzeugung als Ökosystemleistung wird also Teil des geplanten Berichtes sein?

Das Thema wird sicher im Klimabericht eine Rolle spielen – und natürlich in einer abschließenden Gesamtbetrachtung aller Berichte. Aber auch im Bericht ländliche Räume, vor allem in den Kapiteln „Agrarökosysteme“,„Wald“ und „Gewässer“, wird dieses Thema behandelt. Diese, aber nicht nur diese, Ökosysteme sind auch Energieproduzenten. Bei jedem Quadratmeter, der der Energiegewinnung gewidmet werden soll, sollte gefragt werden: Welches Naturangebot liegt hier in Hinblick auf Wasserkraft, Solareinstrahlung, Wind oder Ertragspotential für verschiedene Energiepflanzen vor? Welche Form der Energiegewinnung mit der verfügbaren Technik erzeugt hier den besten aktuellen Nutzen pro Flächeneinheit? Lohnt sich hier Biomasse, Solar oder Wind auch ökonomisch? Und welche negativen Effekte können sich aus der Energiegewinnung für andere Ökosystemleistungen ergeben?

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Urs Moesenfechtel

A. v. Dewitz

Antje von Dewitz (VAUDE)

„Förderung für ökologisches Engagement in der Wirtschaft ist überfällig.“ 

„Förderung für ökologisches Engagement in der Wirtschaft ist überfällig.“

Frau von Dewitz, welche Rolle spielt die Natur in Ihrem Leben, dass Sie sich mit Ihrem Unternehmen so betont für Ihre Erhaltung einsetzen?

Die Natur ist mein „Lebenselixier“. In der Natur schöpfe ich Kraft und hier erde ich mich. Am liebsten erlebe ich die Natur beim Wandern oder Radfahren.

Von welchen Leistungen der Natur lebt Ihr Unternehmen?

Die Natur bietet einen hohen Freizeitwert für sämtliche Outdoor-Aktivitäten und ein unerschöpfliches Einsatzgebiet für unsere Ausrüstung. Aus der Natur gewinnen wir Materialien wie Baumwolle, Hanf oder Bambus, die angenehm zu tragen sind und unsere Produkte mit natürlicher Funktion ausstatten. Außerdem leiten sich viele der klassischen Outdoorfunktionen aus Nachahmungen der Natur ab − ob Abperleffekt der Lotusblüte oder die Funktionsweise von Membranen.

Sehen Sie in der Unternehmenswelt ein Bewusstsein für die eigene Verantwortung, die Wirtschaftsunternehmen bzgl. der Existenz und Erhaltung von Naturressourcen und Ökosystemfunktionen haben, und der damit verbundenen Leistungen für die Menschen?

Dieses Bewusstsein sehe ich zunehmend, aber es ist definitiv ausbaufähig. Unser Wirtschaftssystem orientiert sich nun mal in erster Linie am „Homo Oeconomicus“ und ist auf den ökonomischen Erfolg ausgerichtet, der leider noch allzu oft losgelöst von ökologischen und sozialen Faktoren verfolgt wird. Angesichts dieser Ausgangslage halte ich den Ansatz von Naturkapital Deutschland für sinnvoll, die Leistungen der Natur in eine ökonomische Sprache zu übersetzen, damit sie in der Wirtschaft stärker berücksichtigt werden.

Bedeutet Umweltbewusstsein als Unternehmer grundsätzlich weniger Profit?

Vordergründig ja, denn umweltfreundliche Produktionsverfahren und Materialien sind in der Regel teurer. Auch die Umsetzung von Konzepten wie Klimaneutralität oder Biodiversität verursacht zusätzliche Kosten, ebenso die Durchführung von Audits und Zertifizierungen. Andererseits entstehen durch eine höhere Ressourceneffizienz auch wieder Einsparpotenziale. Darüber hinaus können wir uns durch unser Engagement höherwertig positionieren, wodurch unsere Marke an Begehrlichkeit gewinnt – das ist die Grundlage für unseren wirtschaftlichen Erfolg. Ganzheitlich betrachtet, das heißt unter Einbezug der "freien" Leistungen der Natur und deren Erhaltung, bedeutet Umweltbewusstsein für ein Unternehmen, dass es ökonomisch sinnvoll und damit langfristig auch profitorientiert handelt.

Welche Erwartung haben Sie hierbei an die Politik?

Ich erwarte stärkere Regulierungen und Vorgaben für eine umweltfreundliche Produktion. Als mittelständisches Unternehmen haben wir wesentlich größere Chancen, unsere Lieferanten zur Entwicklung ökologischer Materialien zu bewegen, wenn diese von allen Herstellern per Gesetz verwendet werden müssen. So würden wir bspw. ein Verbot des Einsatzes von Fluorcarbonen (PFC) in der Textilindustrie begrüßen. Diese Stoffe, die bspw. in Membranen und Wasser abweisenden Ausrüstungen verwendet werden, sind problematisch für die Umwelt. Wir arbeiten schon seit mehreren Jahren an einem PFC-Ausstieg, der allerdings mangels Alternativen derzeit noch nicht komplett möglich ist. Ein gesetzliches Verbot wäre die wirksamste Maßnahme, um die Entwicklung unschädlicher Alternativen in der Chemieindustrie zu beschleunigen. Umso schneller könnten wir diese in unseren Produkten einsetzen. Außerdem halte ich es für überfällig, dass ökologisches Engagement in der Wirtschaft stärker gefördert wird, bspw. durch Steuervergünstigungen.

Wirtschaftsunternehmen sehen sich zur Gewinnoptimierung gezwungen. Nachhaltigkeit als Gesamtausrichtung in der Produktion ist in großen Teilen freiwillig und hält im Zweifelsfall ökonomischen Kriterien nicht stand. Welche Argumente oder Maßnahmen könnten Unternehmer hier anders entscheiden lassen?

Ein nachhaltig geführtes Unternehmen ist meiner Erfahrung nach erfolgreich, wenn es sich klar auf soziale und ökologische Werte ausrichtet und diese ebenso fachlich kompetent wie konsequent verfolgt. Um dahin zu kommen, müssen Entscheider sich einer ganzheitlichen Betrachtung öffnen und sich bspw. den sozialen und ökologischen Folgen ihrer Entscheidungen in aller Konsequenz stellen. Dieses Wissen schafft Bewusstsein und verändert Haltungen und Entscheidungen.

Wie kann Naturkapital Deutschland hierzu beitragen und wie sollten die Berichte aussehen, um in Ihrer Zielgruppe die nötige Aufmerksamkeit zu bekommen?

Genau das tun: Bewusstsein und Transparenz schaffen durch aufklärende Berichte in einer aus ökonomischer Sicht verständlichen Sprache. Diese können den Blick schärfen und den Wert der Natur verdeutlichen.

Welche Rolle sehen Sie für sich als Mitglied des Projektbeirates?

Einerseits lasse ich meine unternehmerische Perspektive in die Projektarbeit einfließen. Andererseits möchte ich gerne zeigen, dass eine umweltfreundliche Unternehmensführung erfolgreich sein kann und damit zur Glaubwürdigkeit in der Wirtschaft beitragen. Gerne rege ich natürlich auch zur Nachahmung an!

Das Interview führte Sebastian Tilch

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Dr. Antje von Dewitz ist seit 2009 Geschäftsführerin im Familienunternehmen VAUDE, den ersten Outdoor-Ausrüster, der bereits 2001 einen gesamten Produktbereich (Base Layer) unter dem strengen Umweltstandard bluesign® fertigte. Seit langem engagiert sie sich für umwelt- und sozialverträgliche Produktion und Nachhaltigkeit im gesamten Produktlebenszyklus.

B. Hansjürgens

Prof. Dr. Bernd Hansjürgens

„Wir reagieren im Alltagsleben auf Preise und Kosten und zeigen so, ob und was uns etwas wert ist.“ 

„Wir reagieren im Alltagsleben auf Preise und Kosten und zeigen so, ob und was uns etwas wert ist.“

Herr Hansjürgens, geht es bei „Naturkapital Deutschland – TEEB DE“ darum, der Natur einen Preis zu geben? Gehen Sie Tiere zählen und Böden messen?

Viele Leistungen der Natur werden bisher gratis genutzt – mit zum Teil fatalen Folgen für unsere Umwelt. In dem Projekt „Naturkapital Deutschland – TEEB DE“ geht es darum, darauf aufmerksam zu machen, dass hierdurch unsere Lebensgrundlagen und unser Wohlbefinden, aber auch unsere wirtschaftlichen Möglichkeiten beeinträchtigt werden. Insbesondere wenn wir die Werte der Natur anerkennen und sie besser in unseren Entscheidungen berücksichtigen, können wir etwas für die Erhaltung der Natur tun. Dies muss keineswegs durch Preisschilder geschehen. In-Wert-Setzung kann durch ganz unterschiedliche Ansätze und Verfahren erfolgen, von denen die monetäre Bewertung nur eine ist.

Welche Stärken sehen Sie in einem ökonomischen Ansatz, um auf diese Aspekte aufmerksam zu machen?

Der ökonomische Ansatz kann zusätzliche Argumente für die Erhaltung und die nachhaltige Nutzung der Natur liefern – neben den bekannten ökologischen und ethischen Argumenten. Man kann es auch so formulieren: Es geht nicht darum, diejenigen zu überzeugen, die schon heute den Wert der Natur erkennen und sich für ihre Erhaltung und Schutz einsetzen. Vielmehr sollen jene erreicht werden, die heute über den Wert der Natur hinwegsehen und nicht merken, inwieweit eine bestimmte Handlung sich nachteilig auf die Natur auswirkt. Viele unserer Handlungen und Entscheidungen sind ja durch ökonomisches Abwägen geprägt. Das ist einfach Fakt. Wir reagieren im Alltagsleben auf Preise und Kosten und zeigen so, ob und was uns etwas wert ist. Wenn es uns gelingt, diesen Gedanken zu nutzen und den Umwelt- und Naturschutz – wo sinnvoll – in vergleichbarer Weise zu behandeln, können wir erreichen, dass die Natur und ihre Leistungen in unseren eigenen alltäglichen Entscheidungen, aber auch in politischen und administrativen Entscheidungen, stärker berücksichtigt werden.

Wer kann von dieser ökonomischen Sicht auf die Natur profitieren?

Nehmen wir zum Beispiel die Förster von großstadtnahen Wäldern. Die ärgern sich immer, weil sie nur am Holzeinschlag gemessen werden. Dabei sorgen sie für viele verschiedene Dinge. Der Holzeinschlag ist nur ein kleiner Beitrag unter vielen. Sie erbringen Bildungsleistungen, sie organisieren Führungen für Schulen, sie bereiten und überwachen Wege zum Fahrrad fahren, Reitwege, Treffpunkte zum Grillen. Das sind vielfältige Leistungen eines stadtnahen Waldes. Ein Wald reguliert auch den Wasserkreislauf, absorbiert CO2, ist die Heimat von Tieren und Pflanzen. Diese Leistungen »in Wert zu setzen« heißt letztlich, dem Förster Argumente an die Hand zu geben, damit ihm das Stadtparlament nicht die Gelder kürzt.

Welche politische Umsetzung könnten Sie sich vorstellen? Zertifikate für Naturnutzung, ähnlich wie beim Emissionshandel?

Einerseits: Der CO2-Zertifikatehandel hat viel erreicht: Der Gedanke der Einsparung von Treibhausgasen ist bis in die Vorstandsetagen der Unternehmen gelangt. CO2-Emissionsrechte werden heute als knappes Gut gehandelt. Es wird sorgfältig abgewogen, ob und wie CO2 vermieden oder verringert werden kann. Dieser Gedanke war doch vor 30 Jahren schlicht nicht vorhanden – jedenfalls nicht bei den Entscheidungsträgern. Wie viel wäre gewonnen, wenn uns ein solcher Schritt auch in anderen Bereichen des Umwelt- und Naturschutzes gelänge? Andererseits: Im Umgang mit Biodiversität und Ökosystemen haben wir es mit hochkomplexen Systemen zu tun und eine Übertragung erfolgreicher Instrumente aus anderen Bereichen des Umweltschutzes ist nicht einfach möglich. Wir können aber auf ein ausgebautes System bestehender Instrumente im Naturschutz zurückgreifen. Vorschläge zur Weiterentwicklung dieser Ansätze und ihre stärkere Ergänzung um Anreizinstrumente für einen nachhaltigeren Umgang mit der Natur sind daher wichtige Aufgaben unseres Vorhabens.

Warum befassen Sie sich gerade als Wissenschaftler mit einem solchen gesellschaftspolitischen Projekt?

Zwei Gründe sind ausschlaggebend. Erstens, wissenschaftlich ist es unumstritten, dass unser Wohlstand und Wohlbefinden maßgeblich von den Leistungen der Natur abhängen. Dennoch wird dieser Zusammenhang in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen weitgehend ignoriert. An der Schnittstelle zwischen Ökologie und Ökonomie wollen wir besser verstehen, welche Leistungen der Natur relevant sind und inwieweit man ihren Wert offen legen kann, um sie besser in unseren alltäglichen Entscheidungen zu berücksichtigen. Und zweitens sind wir Wissenschaftler zugleich Staatsbürger und damit Teil der Gesellschaft. Wir halten es für richtig und notwendig, sich für die Erhaltung und die nachhaltige Nutzung der Natur einzusetzen. Es ist Teil unserer Verantwortung, unser Wissen nutzbar zu machen, auf die mit dem Verlust von Ökosystemen und Biodiversität einhergehenden Folgen aufmerksam zu machen und Wege für Lösungen aufzuzeigen. Deshalb versuchen wir auch, „Naturkapital Deutschland – TEEB DE“ als einen offenen Prozess anzugehen, indem wir viele Akteure mit ins Boot holen.

Das Interview führte Sebastian Tilch

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Prof. Bernd Hansjürgens ist Studienleiter des Vorhabens „Naturkapital Deutschland – TEEB DE“, Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Umweltökonomik, an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und leitet das Department Ökonomie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ. Als Ökonom sieht er Naturkapital als knappes aber absolut unabdingbares Gut, mit dem sorgsam umgegangen werden muss, um gesellschaftliche Existenzgrundlage zu erhalten.

K. Schwanke

Karsten Schwanke

„Naturkapital Deutschland – TEEB DE soll die Bedeutung der Natur für unser Wohlergehen auf eine neue Diskussionsebene heben.“ 

„Naturkapital Deutschland soll die Bedeutung der Natur für unser Wohlergehen auf eine neue Diskussionsebene heben.“

Herr Schwanke, Sie haben sich bereit erklärt, als Berater und Boschafter im Vorhaben „Naturkapital Deutschland“ mitzuwirken. Warum setzen Sie sich gerade für ein solches Projekt ein?

Deutschland hat eine reichhaltige Natur. Diese Natur ist ein Kapital, dass viel zu oft unterschätzt wird. Es gibt für mich zwei Gründe, mich für das Projekt einzusetzen: Einerseits möchte ich das Bewusstsein in der Gesellschaft für den Reichtum unserer Natur schärfen – und andererseits auch klar machen, dass Natur nicht „nur“ schön anzusehen ist, sondern auch eine darüber hinaus gehende monetär erfassbare Bedeutung hat. Unsere Natur ist auch ein finanzieller Schatz unserer Gesellschaft – den wir sorgsam hüten müssen.

Gerade als Fernsehjournalist ist die Natur ja ein faszinierendes Objekt, unendlich abwechslungsreich und wandelbar. Ist Ihnen der Fokus auf den ökonomischen Wert da nicht viel zu eingeschränkt?

Umgekehrt: Mir ist eher die rein optisch-faszinierende Betrachtung der Natur zu wenig, zu eingeschränkt. Die Reduzierung der Natur auf den „Sonntagsspaziergang im Park“ macht uns blind für die wahre Bedeutung der Natur. Wir brauchen sie und sind abhängig von ihr. Deshalb ist es wichtig, diese Bedeutung mit Zahlen zu untermauern, auch, um in der Gesellschaft ein neues Bewusstsein dafür zu schaffen.

Welche Rolle sehen Sie für die Medien bei der Frage nach Erhaltung und nachhaltiger Nutzung von Natur?

Wenn ich einmal den Vergleich zum Stern-Report (zum Thema globale Erwärmung) ziehen darf: Nach Veröffentlichung dieses Klima-Reports hatten die Medien Fakten und Zahlen in der Hand. Die Klimadiskussion gelangte auf eine neue Ebene und wurde quer durch die ganze Gesellschaft geführt. Das erhoffe ich mir von dem deutschen Beitrag zum TEEB-Prozess auch im Verständnis für die Bedeutung der Natur. Dass dieses Thema vielschichtiger diskutiert wird. Journalisten sind dankbar für Hintergrundinformationen, für Zahlen und Fakten. Wenn Naturkapital Deutschland diese liefert, wird das Thema nicht nur in den Medien, sondern auch in der Gesellschaft mit einer anderen Ernsthaftigkeit diskutiert.

Wer müsste Ihrer Meinung nach die geplanten Berichte zu Naturkapital Deutschland lesen und verinnerlichen?

Die gesamten Projektberichte werden wahrscheinlich vor allem von Entscheidungsträgern in der Politik und Gesellschaft, Wissenschaftlern und in den Naturschutzorganisationen studiert. Man sollte einer interessierten Öffentlichkeit die Möglichkeit geben, die wichtigsten Ergebnisse in Form einer kurzen Zusammenfassung lesen zu können. Auch ein Abstract, ein 10-Punkte-Papier mit den wichtigsten Eckdaten, das sollte natürlich breite Schichten der Gesellschaft erreichen.

Das Interview führte Sebastian Tilch

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Karsten Schwanke ist Meteorologe und Moderator des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Er moderiert „Das Wetter im Ersten“ und produziert ein eigenes Online-Wissensmagazin WQ. Als Beiratsmitglied unterstützt er das Projekt Naturkapital Deutschland vor allem, um der Öffentlichkeit und Entscheidungsträgern zu verdeutlichen, dass Natur mehr ist als nur Schönheit – und ihr Wert unschätzbar.