Thema: Stipendien

F: Was ist der Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Stelle und einem Stipendium?

A: Was bedeutet es, ein Stipendium zu bekommen? Es heißt, meist selbst einen ausführlichen Projektantrag zu schreiben, was in der Regel einen Zeitraum von 3-6 Monaten in Anspruch nimmt. Entweder wird diese Zeit parallel zur Masterarbeit oder kurz danach aufgewandt. Eine Entlohnung für diesen Aufwand gibt es nicht. Weiterhin wird von dem angehenden Stipendiaten neben einem sehr guten Antrag für ein erfolgversprechendes Projekt auch ein überdurchschnittlicher Universitätsabschluss erwartet. Wird nach der Begutachtung die Eignung des Kandidaten für das jeweilige Stipendium festgestellt, können sich noch weitere Bewerbungsgespräche und Projektverteidigungen anschließen. Das zeigt, dass der Erhalt eines Stipendiums meist mit viel Aufwand verbunden ist, der von den Stipendiaten selbst zu erbringen ist.
Nicht nur die bürokratischen Hürden und die fehlende soziale Sicherheit zeigen schnell die Nachteile eines Stipendiums, sondern auch am Arbeitsplatz selbst wird Wertschätzung vermisst. Z.B. werden Stipendiaten am UFZ als Gäste geführt, können nicht am System der Leistungsorientierten Bezahlung (LOB) und VBL (Altersversorgung für den öffentlichen Dienst) teilnehmen und sind auch vom Weihnachtsgeld ausgeschlossen. Ein bitterer Beigeschmack ergibt sich auch, wenn man auf dem UFZ-Gelände selbst nur ein paar Gebäude weiter blickt. Im TROPOS werden alle Stipendiaten mit einem sozialversicherungspflichtigen Nebenvertrag angestellt, dementsprechend wie do-it fordert, sodass ein Großteil der mit einem Stipendium verbundenen Nachteile entfällt.
Die größten Nachteile eines Stipendiums zeigen sich meist nicht sofort beim Erhalt, sondern nach Beendigung des Stipendiums oder während Unterbrechungen, z.B. im Falle einer Schwangerschaft.
Nach Beendigung des Stipendiums hat ein ehemaliger Stipendiat, falls sein vorhandener Partner bestimmte Gehaltgrenzen nicht überschreitet, lediglich Anspruch auf Grundsicherungsleistungen. Verdient der Partner ausreichend, erhält der Stipendiat nicht einmal diese. Der ALGI-Anspruch ist nicht abhängig vom Gehalt des Partners.
Wird eine Stipendiatin schwanger, wird meist dieses freudige Ereignis von Unsicherheiten überschattet. Absicherungen, die angestellte Frauen erhalten, gelten für Stipendiaten nicht. Sie haben zum einen keinen Anspruch auf Mutterschaftsgeld (im Vergleich: Angestellte bekommen meist für die Mutterschutzzeit eine 100 %ige Lohnfortzahlung). Zum anderen kann das Elterngeld nur im Mindestsatz von 300 € pro Monat bezogen werden. Elternzeit kann nicht beantragt werden. Meist bleibt auch hier für die Unterbrechungszeit nur die Möglichkeit, ALG II zu beantragen (Probleme siehe oben). Erhält man aus genannten Gründen keine soziale Unterstützung, müssen Krankenversicherungs- und andere Versicherungsbeiträge in voller Höhe selbst getragen werden.
Neben diesen zwei Beispielen werden nachfolgend die Versicherungsverhältnisse von Stipendiaten dargestellt und wie die geforderte Zuzahlung Abhilfe schaffen würde.
In Deutschland gilt ein Stipendium als unversteuertes Einkommen, wodurch die Verpflichtung in die Sozialkassen einzuzahlen verfällt. Dieser sich als vermeintlicher Vorteil darstellende Sachverhalt birgt aber mehr Nachteile. Ein Stipendium setzt sich meistens aus dem Hauptteil, der dem Stipendiaten zum Lebensunterhalt zur Verfügung steht, und einem Büchergeld zusammen.
In Deutschland gilt die Krankenversicherungspflicht (zzgl. Pflegeversicherung), wofür hohe Beiträge für den Stipendiaten fällig werden. Gesetzliche Krankenversicherungen (GKV) versichern Stipendiaten meist nicht als Studenten, sondern als Selbstständige. Deshalb werden auf das gezahlte Stipendium inkl. Büchergeld 17% fällig. Das macht bei einem Stipendium von 1150€ (durchschnittlich gezahltes Stipendium in Deutschland) einen Anteil von 195€ pro Monat. Weiterhin geht die GKV bei Akademikern immer von einem Grundgehalt von mind. 800€ aus. Also auch wenn man eine GKV findet, die nicht 17% verlangt, werden dennoch 136€ als Beitrag von Akademikern gefordert. Der monatliche Beitrag in einer privaten Krankenversicherung ist unabhängig vom Bruttoeinkommen, liegt aber meist nicht unter den Beiträgen der GKV. Weiterhin ist auch der Wechsel in und aus einer PKV risikobehaftet und auch nicht immer möglich.
Würde ein Bruttogehalt von 451€ zusätzlich an den Stipendiaten gezahlt werden, könnte er sich alleinig über dieses Gehalt krankenversichern, wobei das Stipendium dann nicht in die Berechnungen der Beiträge eingerechnet werden. Das wären ein Arbeitnehmeranteil für Kranken- und Pflegeversicherung in der GKV von ca. 25€, also eine Differenz von 100-150€. Weiterhin hat der Stipendiat dann ein Anrecht auf eine sechswöchige Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und auf anschließendes Krankengeld von der Krankenkasse.
Ein Rentenanspruch für Stipendiaten besteht im Allgemeinen nicht. Daraus ergeben sich 3 Nulljahre für seine Rente über die Promotionszeit. Eine Einzahlung in die deutsche Rentenkasse ist freiwillig und kann Beträge von mind. 85,05€ und max. 1020,60€ darstellen. Würde ein Stipendiat über 12 Monate den Mindestbeitrag von 85,05€ bezahlen (in Summe 1020,60€) würde er eine gesetzliche Rentenerhöhung von 4,45€ pro Jahr erreichen. Eine 451€-Anstellung führt zu einem Rentenanspruch für den zusatzfinanzierten Stipendiaten. Nach einem Jahr mit einem Bruttogehalt von 451€ pro Monat wäre so eine jährliche Rentensteigerung von 8-10€ möglich. D.h. dass mit einem Arbeitnehmeranteil von ca. 22€ pro Monat ein zusatzfinanzierter Stipendiat eine doppelt so hohe Rentensteigerung erreichen kann, als wenn er freiwillig 85,05€ pro Monat von seinem Stipendium in die Rentenkasse einzahlt.
Ein Anspruch auf Arbeitslosenversicherung besteht für die meisten Stipendiaten ebenfalls nicht, da ein freiwilliger Eintritt nicht möglich ist. So ist er nach Beendigung seines Stipendiums meist auf HartzIV angewiesen und wird zum Sozialfall. Ist der Ehepartner berufstätig besteht auch kein Anspruch auf HartzIV, dadurch ist ein ehemaliger Stipendiat kein Leistungsempfänger und in der Unterstützung seitens des Arbeitsamt, z.B. durch Weiterbildungen, dann potenziell zweitrangig. Nur wer schon einmal ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis über 12 Monate ausgeübt hat, kann sein Anrecht auf ALGI durch freiwillige Einzahlungen fortführen. Mit einer 451€-Anstellung hat der Stipendiat Anspruch auf ALGI.