FLOODsite − Integrierte Hochwasserrisikoanalysen und -managementmethoden

(Integriertes Projekt; IP)


Bearbeitung

Department Ökonomie

Dr. Volker Meyer
Dr. Frank Messner (bis 9/2007)

Department Stadt- und Umweltsoziologie

Department Landschaftsökologie

Department Aquatische Ökosystemanalyse und Management

Gerald Wenk


Status

EU, 6. Rahmenprogramm

Projektlaufzeit

03/2004 − 02/2009


Homepage

Download


Kurzbeschreibung

Hochwasserereignisse sind die Naturgefahren, die am weitesten in Europa verbreitet sind. Sie bedrohen Millionen von Menschen und verursachen große materielle wie immaterielle Schäden. Zwar gibt es mittlerweile viele Forschungsergebnisse über individuelle Einflussfaktoren von Hochwässern, doch sind die komplexen Interaktionen in vieler Hinsicht noch unerforscht. FLOODsite, das größte Forschungsprojekt zum Thema Hochwasser im 6. EU-Rahmenprogramm, vereinigt Wissenschaftler, lokale Praxispartner und Entscheidungsträger. Es berücksichtigt sowohl die hydrologischen und ökologischen als auch die ökonomischen und soziologischen Dimensionen von Hochwasserrisiken. Umfassende Pilotstudien werden u. a. in den Flussgebieten von Elbe, Theiß, Scheldt, Ebro und Themse sowie in der Deutschen Bucht durchgeführt.

Innerhalb von FLOODsite koordinierte der Fachbereich Sozialwissenschaften des UFZ das sozioökonomische Teilprojekt "Verwundbarkeit". Dessen Ziel war es, Methoden zu entwickeln und zu verbessern, um Hochwasserverwundbarkeit zu quantifizieren und zu qualifizieren sowie das Konzept der Verwundbarkeit kritisch in seiner Anwendbarkeit auf Hochwasserextremereignisse in europäischen Wohlfahrtsstaaten zu überprüfen. Damit leistete es einen praktischen und in verschiedenen europäischen Untersuchungsregionen getesteten Beitrag zum Hochwasserrisikomanagement. Die Hauptziele des Teilprojektes waren: die Entwicklung von Richtlinien zur Bewertung von Hochwasserschäden; die Erarbeitung von Methoden zur Bewertung ökologischer Effekte; die Entwicklung eines multikriteriellen Ansatzes zur Entscheidungsunterstützung; die Analyse von Einflussfaktoren der Schadensentstehung und -minderung unter besonderer Berücksichtigung von Vorsorgemaßnahmen, sozialen Netzwerken und Wissensbeständen sowie die Erstellung von Handlungsempfehlungen zum Hochwasserrisikomanagement unter Einbezug der potentiell Betroffenen. Hauptbezugspunkt der drei durch den Fachbereich Sozialwissenschaften des UFZ bearbeiteten FLOODsite-Tasks 9-11 war das Mulde-Hochwasser 2002. Das Projekt wurde im Februar 2009 abgeschlossen.

Wissenschaftlicher Ansatz

Task 9: Methoden zur Hochwasserschadensbewertung

In diesem Arbeitspaket wurden Richtlinien für die Durchführung von Hochwasserschadensanalysen in Europa erstellt. Dies erforderte zunächst eine vergleichende Studie, um die derzeitige Praxis der Schadensbewertung in Großbritannien, den Niederlanden, Tschechien und Deutschland aufzuarbeiten. Auf der Basis von Literaturauswertungen und Expertengesprächen wurde dabei erfasst, welche Methoden unter welchen Zielstellungen Anwendung finden und welche Rolle Schadensanalysen in den jeweiligen Ländern in der Hochwasserschutzplanung spielen.

Aufbauend auf diesen Erkenntnissen wurden – in Zusammenarbeit mit Partnern aus Großbritannien und den Niederlanden (FHRC/Flood Hazard Research Centre, WL Delft) – Richtlinien für die Durchführung von Hochwasserschadensanalysen verfasst, wobei sowohl materielle und Umweltschäden als auch soziale Effekte berücksichtigt. Angesichts der Heterogenität der Zielsetzungen und Ausgangsbedingungen in den EU-Ländern wird dabei keine vereinheitlichte Methodik propagiert, sondern es werden unterschiedliche Lösungswege vorgeschlagen.

Task 10: Innovative Methoden zur Bewertung und Modellierung der Hochwasserverwundbarkeit

Übergreifendes Ziel dieses Arbeitspakets war die Entwicklung innovativer Methoden für die Modellierung und sozio-ökonomische Bewertung unterschiedlicher Arten von Überflutungsschäden.

Dafür wurde von englischen Kollegen (Flood Hazard Research Centre Middlesex University) erstens ein statistisches Modell entwickelt, um das Risiko für Leib und Leben abzuschätzen und zweitens eine Methodik zur Bewertung der schadensreduzierenden Effekte von Vorhersage- und Warnsystemen weiterentwickelt.

Drittens erarbeiteten niederländische Kollegen (WL Delft) ein Modell zur Abschätzung der Effekte von Überflutungen und dadurch verursachten Kontaminationen auf ökologische Systeme und Lebensräume. Die Forschung am UFZ konzentrierte sich in einem vierten Schritt auf die Entwicklung multikriterieller Bewertungsansätze von Hochwasserrisiken. Diese Ansätze ermöglichen es, sowohl ökonomische als auch soziale und ökologische Kriterien in die Bewertung zu integrieren. Dabei wurde zum einen die Unsicherheit der Risikomodellierung berücksichtigt, zum anderen die räumliche Verteilung von Risiken durch GIS-basierte Verfahren dargestellt.

Task 11: Analyse von Risikowahrnehmung und lokalen Verarbeitungsstrategien ("Resilienz")

In diesem Arbeitspaket standen die Wahrnehmungen, Bewertungen und Handlungen der Bewohner gefährdeter und in jüngster Zeit durch ein starkes Hochwasser betroffener Gemeinden im Mittelpunkt. Von Interesse waren insbesondere die Wechselbeziehungen von subjektiver Risikowahrnehmung und individuellen Vorsorgestrategien einerseits sowie der Bedeutung verschiedener sozialer Netzwerke während und nach einer Flut andererseits. In einem internationalen Vergleich zwischen Deutschland (Vereinigte Mulde), Italien (Adige/Etsch, Sarca und Tagliamento) und Großbritannien (Themse) Wissen über angemessene, akzeptierte und mögliche Vorsorgestrategien aus Perspektive der Betroffenen zu generieren und diese mit der Sicht von Entscheidungsträgern zu spiegeln. Dafür wurden Experteninterviews, Fokusgruppengespräche sowie insbesondere standardisierte Haushaltsbefragungen und Tiefeninterviews mit betroffenen Einwohnern durchgeführt.

Die empirische Untersuchung zeigte, dass eine beträchtliche Kluft zwischen der Darstellung des Hochwasserrisikos aus "Experten"-Sicht sowie ihren Forderungen nach einem integrierten Hochwasserrisikomanagement auf der einen Seite und den Sichtweisen der betroffenen Bevölkerung auf der anderen Seite zu konstatieren ist. Während "Experten" (Entscheidungsträger und auch Wissenschaftler) annehmen, dass die Öffentlichkeit am Hochwasserrisikomanagement teilnehmen sollte (und möchte) – z.B. in Form von Vorsorgemaßnahmen oder der Aufnahme von Informationen aus Hochwassergefahrenkarten –, ist einem Großteil der Bevölkerung diese Forderung nicht nur nicht bekannt, sie wird auch als ungebührend zurückgewiesen: Hochwasserschutz ist, so die vorherrschende Meinung, weiterhin eine öffentliche Aufgabe, und keine private. Das viel zitierte Paradigma "Hochwasserrisikomanagement" betrachten wir somit als große Herausforderung und eine Langzeitaufgabe, deren Umsetzung mit Gesetzeswerken und Direktiven nicht zu bewerkstelligen ist. Es gilt, die Betroffenen zu beteiligen und ihre Akzeptanz für den Übergang vom Hochwasserschutz zum Hochwasserrisikomanagement zu gewinnen. Auf der Basis unserer Untersuchungsergebnisse zu den Themen Risikobewusstsein, individuelles Verhalten und soziale Verwundbarkeit wurden Praxisempfehlungen formuliert, die darlegen, welche impliziten Annahmen in dem somit notwendigen Dialog zu berücksichtigen sind und wie dieser Dialogprozess ausgestaltet werden könnte.

Ergebnisse/Veröffentlichungen

Messner F., Meyer V., 2006: Flood damage, vulnerability and risk perception − challenges for flood damage research. In: Jochen Schanze, Evzen Zeman, Jiri Marsalek (eds.), Flood Risk Management − Hazards, Vulnerability and Mitigation Measures, Nato Science Series, Springer Publisher.

Task 10 (abgeschlossen):

Meyer V, Haase D, Scheuer S (2008) A multicriteria flood risk assessment and mapping approach. In: Samuels P, Huntington S, Allsorp W, Harrop J (eds) Flood Risk Management: Research and Practice. Proceedings of the Conference "FloodRisk 2008", October 2008, Oxford.

Meyer V, Haase D, Scheuer S (2008) Flood Risk Assessment in European River Basins − Concept, Methods and Challenges. Integrated Environmental Assessment and Management (accepted).

Meyer V, Scheuer S, Haase D (2008) A multicriteria approach for flood risk mapping exemplified at the Mulde river, Germany. Natural Hazards (online first).

Task 11 (abgeschlossen):

Steinführer, Annett; Kuhlicke, Christian; De Marchi, Bruna; Scolobig, Anna; Tapsell, Sue; Tunstall, Sylvia (2009): Local Communities at Risk from Flooding: Social Vulnerability, Resilience and Recommendations for Flood Risk Management in Europe. Leipzig: Helmholtz Centre for Environmental Research − UFZ, 88 S. (mit einer deutschen und einer italienischen Zusammenfassung)
Task11_Broschuere_7-09 (11.3 MB)

Kuhlicke C, Steinführer A, De Marchi B, Scolobig A (accepted), Risk Management, Participation and Public Perceptions. In: Jochen Schanze et al. (Hg.): Understanding Natural Disasters – Contribution to Risk in Europe. EU-Medin, Springer, Berlin, ca. 10 pp.

Steinführer A, Kuhlicke C, De Marchi B, Scolobig A, Tapsell S, Tunstall S (2008). Towards flood risk management with the people at risk: from scientific analysis to practice recommendations (and back). In: Samuels P, Huntington S, Allsop W, Harrop J (Eds.). Flood Risk Management: Research and Practice. CD-Rom. Leiden: CRC Press/Balkema, 945-955.

Kuhlicke C, Steinführer A (2007), Wider die Fixiertheit im Denken – Risikodialoge über Naturgefahren. Reaktion auf B. Merz, R. Emmermann (2006), Zum Umgang mit Naturgefahren in Deutschland: Vom Reagieren zum Risikomanagement, GAIA, 16/2, 91-92.

Kuhlicke C, Steinführer A (2006), Wie vorbereitet ist die Bevölkerung auf ein Hochwasserrisikomanagement? Lehren aus dem Hochwasser 2002. In: Jüpner R (Hg.), Beiträge zur Konferenz „Strategien und Instrumente zur Verbesserung des vorbeugenden Hochwasserschutzes“. Schriftenreihe des Instituts für Wasserwirtschaft und Ökotechnologie (IWO) der Hochschule Magdeburg – Stendal; 6, Shaker, Aachen, 45-53.