Pressemitteilung vom 09. November 2016

Erfassung von Ökosystemleistungen in Europa auf einem guten Weg

Ökosysteme tragen auf vielfältige Weise zum menschlichen Wohlbefinden bei. Die Europäische Union hat daher ihre Mitgliedstaaten verpflichtet, den Zustand dieser Ökosystemleistungen in nationalen Berichten zu erfassen und zu bewerten. Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von UFZ und iDiv hat nun die bisher erschienenen Berichte verglichen und seine Ergebnisse im Fachjournal Bioscience publiziert. Das Fazit der Wissenschaftler: Die nationalen Berichte sind ein wichtiges Werkzeug für den Schutz von Ökosystemen und deren Leistungen in Europa – und es gibt noch viel zu tun. Vor allem empfehlen die Studienautoren eine Vereinheitlichung der Methoden für die Erfassung von Ökosystemleistungen in den einzelnen Mitgliedstaaten.

Wenn wir Menschen uns in der Natur erholen, nutzen wir eine Ökosystemleistung. Foto: Roland Krämer
Wenn wir Menschen uns in der Natur erholen, nutzen wir eine Ökosystemleistung.
Foto: Roland Krämer

Die Produktion von Nahrungsmitteln und die Bestäubung von Nutzpflanzen, die Filterung von Trinkwasser oder die Speicherung von Kohlenstoff - all dies sind Beispiele für sogenannte Ökosystemleistungen, also Nutzen und Werte, die Ökosysteme für uns Menschen bereitstellen. Auch wer Ruhe und Erholung in einem Park oder Wald findet, nutzt eine Ökosystemleistung. Neben dem intrinsischen Wert der biologischen Vielfalt ist die immense Bedeutung ihrer Leistungen für die Menschheit eine zentrale Motivation für den Naturschutz. Die Europäische Union hat daher in ihrer Biodiversitätsstrategie festgelegt, dass alle Mitgliedsstaaten den Zustand von Ökosystemen und ihren Nutzen für die Menschen erfassen und bewerten sollen. Ziel ist es, den Wert von Ökosystemleistungen besser zu verstehen und Veränderungen über die Zeit verfolgen zu können. "Ähnlich wie mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) die wirtschaftliche Leistung eines Landes gemessen wird, sollen mit den nationalen Berichten die Ökosystemleistungen gemessen werden", erklärt Dr. Matthias Schröter, Erstautor der Studie, in der nun die bisher erschienenen Berichte analysiert wurden. Ebenso wie Studienleiterin Prof. Aletta Bonn forscht Schröter am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) sowie am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv).

Wie einzelne Staaten die nationalen Erhebungen der Ökosystemleistungen umsetzen, unterscheidet sich stark. Zu diesem Ergebnis kamen die Wissenschaftler bei einem Vergleich der acht nationalen Berichte, die bisher vorgelegt wurden. "Wir haben festgestellt, dass es keinen einheitlichen Standard gibt, und die Länder der Aufforderung der Europäischen Kommission auf ganz unterschiedliche Weise nachkommen. Manche Länder erstellen Karten, andere entwerfen zusätzliche Zukunftsszenarien oder messen die Entwicklung von Ökosystemleistungen über die Zeit", so Aletta Bonn. Mit den nationalen Berichten sei ein sehr wichtiges Werkzeug zum Schutz von Biodiversität und Ökosystemleistungen ins Leben gerufen worden, schreibt das internationale Wissenschaftlerteam in seiner Studie. Als nächster Schritt könne eine Vereinheitlichung der Methoden und Indikatoren zu einer besseren Vergleichbarkeit der verschiedenen nationalen Berichte  führen, sowie zu einer umfassenden Erfassung für ganz Europa. Derzeit seien die Vorgaben der Europäischen Kommission hierzu noch wenig konkret. Folglich unterscheiden sich die acht Berichte darin, welche Ökosystemleistungen dort überhaupt berücksichtigt und wie sie ausgewertet werden. Zu den Leistungen, die besonders gut untersucht sind und in allen acht Ländern erfasst wurden, gehören die Bereitstellung von Nahrungsmitteln, Trinkwasser und Rohstoffen (wie Holz oder Biomasse), die Speicherung von Kohlenstoff sowie der Erholungswert von Ökosystemen.

In den bisher umfassendsten Berichten aus Spanien, Großbritannien und Flandern (Belgien) haben große Teams aus Wissenschaftlern Informationen zum aktuellen Zustand von Ökosystemleistungen und deren ökonomischer Inwertsetzung zusammengestellt. Deutschland ist unter den acht Ländern mit einer Sondierungsstudie vertreten, die Indikatoren zur Erfassung von Ökosystemleistungen vorschlägt und erste Erhebungen zusammenfasst. "Dies ist ein wichtiger Schritt und eine sehr gute Ausgangsbasis für die Erfassung von Ökosystemen und deren Leistungen", sagt Aletta Bonn. Auf nationaler Ebene könne dies als Grundlage dienen, weitere Wissenslücken zu schließen, ergänzt Matthias Schröter: "Wie ist der Ist-Zustand von Ökosystemen und biologischer Vielfalt - die Grundlage von Ökosystemleistungen? Wie können wir Entwicklungen über die Zeit erfassen? Wie verhalten sich bestimmte Ökosystemleistungen zueinander - nimmt eine Leistung ab, wenn eine andere zunimmt? Und wie können die Erkenntnisse aus der Forschung in politische Maßnahmen und Werkzeuge umgesetzt werden? Dies sind die Fragen, die uns beschäftigen werden."

Publikation:
Matthias Schröter, Christian Albert, Alexandra Marques, Wolke Tobon, Sandra Lavorel, Joachim Maes, Claire Brown, Stefan Klotz & Aletta Bonn (2016): National Ecosystem Assessments in Europe: A Review. BioScience 66 (10): 813-828. doi: 10.1093/biosci/biw101 (Open Access)

Weiterführende Informationen:
Ökosystemleistungen in Deutschland: http://www.ufz.de/index.php?de=35926

Sondierungsstudie für ein nationales Assessment: http://www.ufz.de/index.php?de=35927

Europäische Kommission:  http://ec.europa.eu/environment/nature/knowledge/ecosystem_assessment/index_en.htm

Bundesamt für Naturschutz: https://www.bfn.de/0304_biodiv.html


Weitere Informationen

Prof. Dr. Aletta Bonn
Leiterin Department Ökosystemleistungen in UFZ und iDiv
aletta.bonn@ufz.de

Dr. Matthias Schröter
Postdoktorand im Department Ökosystemleistungen an UFZ und iDiv
Telefon: +49 341 9733199
matthias.schroeter@ufz.de

UFZ-Pressestelle

Susanne Hufe
Telefon: +49 341 235-1630
presse@ufz.de


Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg mehr als 1.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

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