Pressemitteilung vom 23. August 2018

Deutscher Umweltpreis für Leipziger Expertenteam

Dezentrales Abwassermanagement in Jordanien implementiert

Die beiden Umweltbiotechnologen Prof. Roland A. Müller und Dr. Manfred van Afferden sowie die Volkswirtin Dr. Mi-Yong Lee, allesamt Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), erhalten in diesem Jahr gemeinsam mit Wolf-Michael Hirschfeld, Initiator des Bildungs- und Demonstrationszentrums für dezentrale Abwasserbehandlung, den Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Dem interdisziplinären Team gelang es, die Grundlagen für eine dezentrale Abwassersystemlösung in Jordanien zu entwickeln und politisch mitumzusetzen. Das Leipziger Expertenteam teilt sich den mit 500.000 Euro dotierten Umweltpreis mit der Meeresbiologin Prof. Antje Boetius. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird die Auszeichnung am 28. Oktober in Erfurt überreichen.

Das Preisträger-Team v.l.n.r.: Dr. Manfred van Afferden (UFZ), Prof. Dr. Roland A. Müller (UFZ), Dr. Mi-Yong Lee (UFZ) und Wolf-Michael Hirschfeld (BDZ). Foto: André Künzelmann, UFZ
Das Preisträger-Team v.l.n.r.: Dr. Manfred van Afferden (UFZ), Prof. Dr. Roland A. Müller (UFZ), Dr. Mi-Yong Lee (UFZ) und Wolf-Michael Hirschfeld (BDZ).
Foto: André Künzelmann, UFZ
Dr. Mi-Yong Lee auf einer der über 40 Sitzungen und -workshops des Nationalen Implementierungskomitees für Effektives Dezentrales Abwassermanagement in Jordanien. Foto: André Künzelmann, UFZ
Dr. Mi-Yong Lee auf einer der über 40 Sitzungen und -workshops des Nationalen Implementierungskomitees für Effektives Dezentrales Abwassermanagement in Jordanien.
Foto: André Künzelmann, UFZ
Dr. Manfred van Afferden (Mitte) erläutert die Abwasser- und Schlammbehandlung mithilfe belüfteter Bodenfiltersysteme. Foto: André Künzelmann, UFZ
Dr. Manfred van Afferden (Mitte) erläutert die Abwasser- und Schlammbehandlung mithilfe belüfteter Bodenfiltersysteme.
Foto: André Künzelmann, UFZ
„Schüler von heute verändern die Welt von morgen“: Die Unterrichtsreihe „Water Fun“ erreichte zwischen 2009 und 2014 knapp 5.000 Grundschüler in Jordanien und den Palästinensischen Gebieten. Foto: UFZ
„Schüler von heute verändern die Welt von morgen“: Die Unterrichtsreihe „Water Fun“ erreichte zwischen 2009 und 2014 knapp 5.000 Grundschüler in Jordanien und den Palästinensischen Gebieten.
Foto: UFZ
Prof. Dr. Roland A. Müller (Mitte) im Gespräch mit Hamed Bakir (WHO) (links) und Prof. Emeritus Dr. Heinz Hötzl (KIT) (rechts) am Rande der Abschlusskonferenz SMART/NICE im April 2018 in Amman, Jordanien. Foto: André Künzelmann, UFZ
Prof. Dr. Roland A. Müller (Mitte) im Gespräch mit Hamed Bakir (WHO) (links) und Prof. Emeritus Dr. Heinz Hötzl (KIT) (rechts) am Rande der Abschlusskonferenz SMART/NICE im April 2018 in Amman, Jordanien.
Foto: André Künzelmann, UFZ

Für mindestens zwei Milliarden Menschen weltweit ist das Trinkwasser mit Fäkalien verunreinigt. Zugleich werden nur 20 Prozent des Abwassers weltweit sachgemäß gereinigt. Allein in den ländlichen Regionen Jordaniens gelangen jährlich 45 Millionen Kubikmeter Abwasser nicht oder unvollständig behandelt in das Grundwasser. Vor diesem Hintergrund arbeitet das Preisträgerteam bereits seit 2006 in Jordanien als Teil eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsverbunds zum Integrierten Wasserressourcen-Management mit dem Schwerpunkt Grundwasserschutz durch Abwasseraufbereitung und -wiederverwendung. Sie entwickelten dafür einen Systemansatz, der zentrale Kanalnetze mit dezentralen Lösungen flexibel ergänzt. Dieser innovative Ansatz verbessert den Schutz des Grundwassers vor Schadstoffen und Krankheitskeimen deutlich und mindert den Frischwasserverbrauch.

"Das Leipziger Expertenteam hat in einem bislang beispiellosen Projekt in Jordanien gezeigt, wie die Wasserknappheit in einem der am stärksten betroffenen Länder mit einem ganzheitlichen, innovativen Ansatz erfolgreich überwunden werden kann. Es hat die Weichen für eine bessere Zukunft Jordaniens gestellt, in der ein Großteil der Bevölkerung Zugang zu sauberem Trinkwasser haben soll und Abwasser effizient gereinigt wird", sagt Prof. Otmar D. Wiestler, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. Das Projekt zeige beispielhaft, wie der Wissenstransfer von der Forschung in die praktische Anwendung gelingen könne. "Es ist sehr erfreulich, dass diese Pionierarbeit nun durch den Deutschen Umweltpreis eine noch größere Aufmerksamkeit erhält und hoffentlich als vorbildliches Modell für viele weitere Regionen auf der Welt gilt, in denen Wasser ein knappes Gut ist", führt Wiestler aus.

DBU-Generalsekretär Alexander Bonde lobt die Arbeit des Expertenteams: "Mit ihrer Überzeugung, dass wirksamer Wasserschutz durch dezentrale Abwasserreinigung gelingt, hat das interdisziplinäre Expertenteam neuartige Systemlösungen in schwierigem politischen Umfeld entwickelt, konsensfähig gemacht und in die Praxis umgesetzt."

Prof. Georg Teutsch, Wissenschaftlicher Geschäftsführer des UFZ, ergänzt: "Ich freue mich sehr, dass die exzellente Arbeit unseres Leipziger Teams mit dem Deutschen Umweltpreis eine solche außerordentliche Würdigung erfährt. Das Projekt ist ein Paradebeispiel für die problemorientierte, interdisziplinäre Arbeitsweise am UFZ." Diese habe es möglich gemacht, Forschung, Entwicklung und Implementierung in besonders effektiver Weise zu kombinieren.  "Damit hat das Bewerberteam dezentralen Abwassersystemen in Deutschland und im Ausland zum Durchbruch verholfen und leistet einen wichtigen Beitrag, um das Sustainable Development Goal 6 der Vereinten Nationen zu erreichen, das die   die Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser- und Sanitärversorgung für alle zum Ziel hat", so Teutsch weiter.

In Schwellen- und Entwicklungsländern, insbesondere in ariden Regionen, werden hohe Ansprüche an die Abwasserreinigung gestellt, etwa bezüglich Wassereffizienz, Robustheit des Betriebes und Reinigungsleistung. Genau diese Eigenschaften zeichnen die von den Preisträgern weiterentwickelten und an jordanische Verhältnisse angepassten dezentralen Verfahren aus: Die aktiv belüfteten Horizontal- und Vertikalfiltersysteme bestechen durch eine sehr gute Reinigungsleistung, arbeiten energetisch sehr effizient, bei hohen Außentemperaturen wassersparend und lassen sich zudem gezielt steuern, beispielsweise im Hinblick auf die Entfernung von Stickstoff oder pathogenen Keimen. Mit der Aufnahme ins Regelwerk der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) 2017 definieren die Abwasser-Filtersysteme den deutschen Stand der Technik - ein entscheidender Schritt für den Transfer der Forschung in die praktische Anwendung.

In Jordanien hat das UFZ im Jahr 2010 eine Forschungs- und Demonstrationsanlage in Betrieb genommen, auf der elf Abwasserbehandlungsverfahren betrieben, weiterentwickelt und an die jordanischen Erfordernisse angepasst werden. Darüber hinaus dient die Anlage einerseits als Informationsplattform zum Erfahrungsaustausch zwischen Bürgern, lokalen und regionalen Entscheidungsträgern, Studierenden und Wissenschaftlern. Andererseits werden hier Ausbildungsaktivitäten für Schüler, Studierende, Wissenschaftler sowie Fachpersonal aus Unternehmen und Behörden durchgeführt.

Auf Anregung des Staatssekretärs des jordanischen Wasserministeriums gründete das UFZ in Kooperation mit dem BMBF und dem Jordanischen Wasserministerium im Jahr 2012 das Implementierungsbüro für dezentrales Abwassermanagement in Amman. Diese Vor-Ort Präsenz im jordanischen Wasserministerium machte es möglich, dass die Akzeptanz seitens der Stakeholder geschaffen und die Umsetzung des innovativen Abwassermanagementansatzes erreicht werden konnten. Die Preisträger moderierten Arbeitsgruppensitzungen, unterstützten Entscheidungsträger mit Fachwissen und konzipierten in Rückkopplung mit Experten in Deutschland einen Beitrag zum strukturellen Wasserschutz in Jordanien. Um den Verantwortlichen bei der Planung von Abwassermanagementprojekten zu helfen, entwickelte das Team ein praktikables Planungsinstrument. Es berücksichtigt geografische, technische und sozio-ökonomische Daten und hilft, fehlerhafte Planungen und Investitionsrisiken zu verhindern. Zuletzt verabschiedete das jordanische Kabinett im Jahr 2016 das erste politische Rahmenwerk für dezentrales Abwassermanagement im arabischen Raum, an dem das deutsche Team aktiv mitwirkte. Dezentrale Abwassersysteme, so die politische Botschaft, sollen künftig landesweit zum Schutz der Grundwasserressource genutzt werden - eine Vision, durch die auch andere Staaten auf die Arbeit des UFZ aufmerksam wurden. So besteht mit dem Sultanat Oman eine Kooperation, um dort ebenfalls ein dezentrales Abwassermanagementkonzept einzuführen.

Die vom Team entwickelten Systemlösungen für dezentrale Abwasserinfrastrukturen sind nicht nur für die semiariden Regionen des Nahen und Mittleren Ostens wichtig. "Vor dem Hintergrund des Klima- und demographischen Wandels sehen wir auch in Europas schnell wachsenden Städten große Anwendungspotenziale für dezentrale Wasserinfrastruktursysteme, zum Beispiel bei der Gestaltung ressourceneffizienter Stadtquartiere", erklärt Prof. Roland A. Müller, Departmentleiter des Umwelt- und Biotechnologischen Zentrums am UFZ. "Besonders freut es mich, dass unser interdisziplinäres Vorgehen gewürdigt wurde. Die erfolgreiche Umsetzung des Projekts war nur möglich, weil wir über einen längeren Zeitraum sehr eng, disziplinübergreifend und gemeinsam mit unseren Partnern an der ganzheitlichen Implementierung der Systemlösung arbeiten konnten."

Der von der DBU jährlich verliehene Deutsche Umweltpreis gilt mit 500.000 Euro als höchst dotierter Umweltpreis in Europa. Die DBU würdigt damit Leistungen von Persönlichkeiten, die vorbildlich zum Schutz der Umwelt beitragen oder beigetragen haben. In diesem Jahr teilt sich das Team der Leipziger Abwasserexperten die Auszeichnung mit der Meeresbiologin Prof. Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven.

Weitere Links:

Mehr Informationen zu den Preisträgern und zum Antrag "Dezentrales Abwassermanagement Jordanien": http://www.ufz.de/index.php?de=44503

DBU-Pressemitteilung: "Umweltschutz mit Hirn, Herz und Hand": https://www.dbu.de/index.php?menuecms_optik=&menuecms=123&objektid=37815&vorschau=1

AWI-Pressemitteilung zum Preis von Prof. Antje Boetius: https://www.awi.de/nc/ueber-uns/service/presse-detailansicht/presse/prof-antje-boetius-erhaelt-den-deutschen-umweltpreis-2018.html



Weitere Informationen

Prof. Dr. Roland A. Müller
Leiter des UFZ-Departments Umwelt- und Biotechnologisches Zentrum
roland.mueller@ufz.de

UFZ-Pressestelle

Susanne Hufe
Telefon: +49 341 235-1630
presse@ufz.de


Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg mehr als 1.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

www.ufz.de

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie sowie Luftfahrt, Raumfahrt und Verkehr. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit 37.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 18 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 4 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des großen Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

www.helmholtz.de
« zurück