Pressemitteilung vom 30. März 2017

Emissionen vom Waldrand

Die Zerschneidung der Tropenwälder steigert den globalen Ausstoß von Treibhausgasen um weiteres Drittel

Wenn es um die wichtigsten Klimaschützer des Planeten geht, stehen die Tropenwälder ganz oben auf der Liste. Immerhin die Hälfte des in der gesamten Vegetation der Erde gespeicherten Kohlenstoffs steckt in diesen Ökosystemen. Entsprechend fatal wirkt sich ihre Abholzung aus. Wissenschaftler schätzen, dass dadurch jedes Jahr 1.000 Millionen Tonnen Kohlenstoff freigesetzt werden, die in Form von Treibhausgasen die globalen Temperaturen in die Höhe treiben. Das ist aber noch nicht alles, zeigt eine neue Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und der University of Maryland. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Zerschneidung einst zusammenhängender Waldgebiete die Kohlenstoff-Emissionen um ein weiteres Drittel ansteigen lässt. Dieser bislang vernachlässigte Effekt müsse in den Berichten des Weltklimarates IPCC künftig berücksichtigt werden, betonen die Forscher im Fachjournal Nature Communications.

Die Luftaufnahme zeigt Waldfragmente des Brasilianischen Atlantischen Regenwaldes im Nordosten Brasiliens, umgeben von Zuckerrohrplantagen. Foto: Usina Trapiche S/A
Die Luftaufnahme zeigt Waldfragmente des Brasilianischen Atlantischen Regenwaldes im Nordosten Brasiliens, umgeben von Zuckerrohrplantagen.
Foto: Usina Trapiche S/A
Weltweiter Kohlenstoffverlust durch Fragmentierung der Tropenwälder. Die Farben zeigen die Kohlenstoffverluste der einzelnen Fragmente, wenn man für jedes Fragment einen 100 Meter breiten Rand bestimmt und von 50 Prozent Biomasseverlust in diesem Randgebiet ausgeht. Foto: UFZ
Weltweiter Kohlenstoffverlust durch Fragmentierung der Tropenwälder. Die Farben zeigen die Kohlenstoffverluste der einzelnen Fragmente, wenn man für jedes Fragment einen 100 Meter breiten Rand bestimmt und von 50 Prozent Biomasseverlust in diesem Randgebiet ausgeht.
Foto: UFZ

Kilometer um Kilometer undurchdringliches Grün. Wenn die Forscher früherer Jahrhunderte die tropischen Regenwälder in Südamerika, Asien oder Afrika bereisten, war schon allein das Vorankommen eine echte Herausforderung. Flüsse waren oft die einzigen Verkehrsverbindungen, an Straßen war vielerorts nicht zu denken. Und es gab riesige Gebiete, denen der Mensch noch nicht seinen Stempel aufgedrückt hatte: Keine Kahlschläge oder Plantagen, Siedlungen oder Äcker weit und breit.

Inzwischen hat sich das Bild allerdings gewandelt. Die Aktivitäten des Menschen haben Lücken und Schneisen in die einst zusammenhängenden Tropenwälder geschlagen. Wie weit aber ist diese Fragmentierung schon fortgeschritten? Und welche Folgen hat sie für den Kohlenstoffkreislauf und damit das globale Klima? Diesen Fragen ist das Team um die UFZ-Forscher Prof. Andreas Huth und Dr. Rico Fischer in der neuen Studie nachgegangen, die im Rahmen der Helmholtz-Allianz "Remote Sensing and Earth System Dynamics" entstanden ist.

"Wir wissen schon länger, dass nicht nur der komplette Verlust von Regenwäldern den Klimawandel verschärfen kann", erklärt Andreas Huth. Auch die bloße Zerschneidung eines größeren Waldgebietes in mehrere kleine verändert bereits die Kohlenstoffbilanz. Diesen Effekt haben US-amerikanische Forscher Ende der 1990er Jahre in einem großen Freiland-Experiment in der Nähe der brasilianischen Stadt Manaus untersucht. Sie haben festgestellt, dass die Lebenserwartung der dortigen Bäume entscheidend von ihrem Standort abhängt: Während im Inneren eines ungestörten Tropenwaldes pro Jahr nur etwa zwei Prozent aller Bäume absterben, sind es am Rand ungefähr doppelt so viele.

Das liegt daran, dass die Gehölze dort einem ungünstigeren Mikroklima ausgesetzt sind: Direkte Sonneneinstrahlung, höhere Windgeschwindigkeiten und eine geringere Luftfeuchtigkeit lassen diese Bereiche selbst in den feuchten Tropen leichter austrocknen. "Darunter leiden vor allem große Bäume, die auf eine gute Wasserversorgung angewiesen sind", erklärt Andreas Huth. Typischerweise reicht dieser negative Einfluss etwa hundert Meter weit in den Bestand hinein.

In diesem Bereich werden daher größere Mengen Kohlenstoff in Form des Treibhausgases Kohlendioxid freigesetzt als im ungestörten Inneren des Waldes. Denn zum einen produzieren Mikroorganismen beim Zersetzen der toten Bäume reichlich CO2.  Zum anderen bleiben weniger Gehölze übrig, die das Treibhausgas beim Wachsen wieder aus der Luft holen und den Kohlenstoff in ihre Blätter, Stämme und Wurzeln einbauen könnten.

Wie groß aber ist die weltweite Kohlenstoffmenge, die auf diese Weise an den Rändern der Tropenwälder freigesetzt wird? Spielt sie für den Kohlenstoffkreislauf und damit für die Klimaentwicklung tatsächlich eine Rolle?

"Um das herauszufinden, haben wir die Ergebnisse der Freiland-Experimente mit Informationen aus der Fernerkundung und Waldmodellierung kombiniert", sagt Rico Fischer. Die entscheidende Frage war dabei, wie viele zusätzliche Waldränder der Mensch geschaffen hat. Das hatten die Forscher in einer früheren Studie schon einmal für Südamerika untersucht, nun aber sollte es um die Tropenwälder der ganzen Welt gehen.
Eine Übersicht über so riesige Gebiete lässt sich nur mithilfe von Satellitenbildern gewinnen. Aus diesen haben Wissenschaftler bereits Karten erstellt, die mit einer hohen Auflösung von 30 Metern die Waldbedeckung der gesamten Tropen zeigen. Darauf kann man genau auszählen, wie viele Waldfragmente es in welcher Region gibt. Und man kann messen, welche Fläche diese haben und wie lang ihre Ränder sind.

Per Hand wäre das allerdings viel zu aufwendig. "Die üblichen Computerprogramme zur Analyse von Landschaften konnten wir aber auch nicht einsetzen", berichtet Andreas Huth. Denn die waren mit den riesigen Datenmengen einfach überfordert. "Mit diesem Problem haben wir lange gekämpft", erinnert sich der Forscher. Am Ende blieb ihm und seinen Kollegen nichts anderes übrig, als eine eigene Software zu entwickeln, um die Tropenwaldfragmente vermessen zu können.

Als das Programm nach anderthalb Jahren schließlich funktionierte, lieferte es innerhalb von ein paar Stunden beeindruckende Ergebnisse. Demnach liegen mittlerweile 19 Prozent aller Tropenwälder der Erde höchstens hundert Meter von einem Waldrand entfernt. "Diese starke Fragmentierung geht eindeutig auf das Konto des Menschen", sagt Rico Fischer. Das hat sich gezeigt, als die Forscher ihre Waldbedeckungskarte mit weiteren Karten verschnitten, auf denen verschiedene Vegetationstypen zu erkennen sind. So ließen sich natürliche Übergänge wie etwa zwischen Wald und Savanne von menschgemachten wie denen zwischen Wald und Acker unterscheiden. Demnach ist der Mensch global gesehen für 84 Prozent der gesamten Tropenwald-Fragmentierung verantwortlich.

Je nach Kontinent bietet sich dabei ein etwas unterschiedliches Bild. "Das hängt mit der Nutzungsgeschichte zusammen", erklärt Andreas Huth. So werden in Südamerika besonders viele Waldflächen in Agrarland umgewandelt. In den Wäldern Südostasiens und Afrikas dagegen wachsen mehr wirtschaftlich interessante Baumarten, so dass dort der Holzeinschlag besonders viel Schaden anrichtet. Die verschiedenen Nutzungen aber führen auch zu unterschiedlichen Fragmentierungsmustern. So besitzt Südamerika nicht nur die größten Tropenwälder, sondern entsprechend auch die größten Randflächen. Der Anteil der Ränder an der gesamten Waldfläche aber ist in Afrika besonders groß.

Insgesamt zerfallen die Tropenwälder der Erde mittlerweile in etwa 50 Millionen Fragmente. Und jedes einzelne davon hat die neue Spezial-Software vermessen. Dabei kam heraus, dass sich die Gesamtlänge der tropischen Waldränder heutzutage auf fast 50 Millionen Kilometer summiert - das ist etwa ein Drittel der Entfernung zwischen Erde und Sonne.

Mithilfe von Freilanddaten und Computermodellen ließ sich nun auch berechnen, wie groß die Kohlenstoff-Emissionen entlang dieser gewaltigen Strecke sind. Demnach werden durch die Fragmentierung der Tropenwälder rund 0,34 Gigatonnen Kohlenstoff pro Jahr zusätzlich freigesetzt. Um diese Menge richtig einschätzen zu können, muss man wissen, dass durch die Abholzung von Tropenwäldern jedes Jahr Kohlenstoff-Emissionen von etwa einer Gigatonne (1.000 Millionen Tonnen) entstehen. Durch die Zerschneidung der verbliebenen Reste erhöht sich diese Menge damit ungefähr um ein Drittel.

"Die Fragmentierung spielt also eine sehr wichtige Rolle im globalen Kohlenstoffkreislauf", resümiert Andreas Huth. "Trotzdem wird dieser Effekt in den Berichten des Weltklimarates IPCC bisher gar nicht berücksichtigt". Die Forscher hoffen, dass sich das künftig ändern wird. Denn im Umgang mit den Tropenwäldern ist offenbar noch mehr Sensibilität gefragt, als bisher angenommen. Für einen wirksamen Klimaschutz gilt es, die Wälder nicht in immer kleinere Fragmente zu zerlegen. Kahlschläge verhindern allein genügt nicht.

Publikation:
Katharina Brinck, Rico Fischer, Jürgen Groeneveld, Sebastian Lehmann, Mateus Dantas De Paula, Sandro Pütz, Joseph O. Sexton, Danxia Song & Andreas Huth (2017): High resolution analysis of tropical forest fragmentation and its impact on the global carbon cycle. Nature Communications 8, 14855, doi: 10.1038/ncomms14855 (2017). http://www.nature.com/articles/ncomms14855

Weiterführende Links:
Pressemitteilung zur Waldfragmentierung in Südamerika: http://www.ufz.de/index.php?de=35289

Die Helmholtz-Allianz Remote Sensing and Earth System Dynamics: http://hgf-eda.de

Überblick in "Nature" über Langzeitfragmentierungsexperimente in Wäldern: www.nature.com/news/forest-ecology-splinters-of-the-amazon-1.12816

Waldmodell FORMIND: http://www.formind.org


Weitere Informationen

Prof. Dr. Andreas Huth
UFZ-Department Ökologische Systemanalyse
Telefon: +49 341 235-1719
andreas.huth@ufz.de

Dr. Rico Fischer
UFZ-Department Ökologische Systemanalyse
Telefon: +49 341 235 48 2267
rico.fischer@ufz.de

UFZ-Pressestelle

Susanne Hufe
Telefon: +49 341 235-1630
presse@ufz.de


Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg mehr als 1.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

www.ufz.de

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie sowie Luftfahrt, Raumfahrt und Verkehr. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit 37.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 18 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 4 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des großen Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

www.helmholtz.de
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