Risikowahrnehmung und lokale Verarbeitung von Hochwasserkatastrophen (Resilienz)

Teilprojekt 11 im Rahmen von „FLOODsite – Integrierte Hochwasserrisikoanalysen und -managementmethoden“ (Integriertes Projekt; IP)


Bearbeitung:

Department Stadt- und Umweltsoziologie


Status:

EU, 6. Rahmenprogramm

Projektlaufzeit:

03/2004 − 02/2009


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Kurzbeschreibung

Immer wieder bedrohen Hochwasserereignisse ganze Regionen und die dort lebenden Menschen, ihre Kulturgüter, Arbeits- und Lebensgrundlagen. Die jüngsten Hochwässer in den europäischen Flussgebieten von Oder, March (Morava), Theiß (Tisza) und Elbe haben die damit verbundenen Risiken wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht. Wenn Hochwasserrisikomanagement nicht mehr vorrangig technische Lösungen zur Beseitigung der Gefahr, sondern das Leben mit dem Risiko und die verantwortungsbewusste, partizipative Entwicklung von Flussgebieten in den Mittelpunkt stellen soll, dann müssen die in den gefährdeten Regionen wohnenden Menschen mit ihren Risikowahrnehmungen und risikobezogenen Handlungen gleichberechtigt in die Analyse einbezogen werden.

Aus diesem Grund vereinigte das größte Hochwasserforschungsprojekt der Europäischen Union im 6. Rahmenprogramm, FLOODsite, politische Entscheidungsträger, Wissenschaftler und lokale Praxispartner zusammen. Es berücksichtigte sowohl die hydrologischen und ökologischen als auch die ökonomischen und soziologischen Dimensionen von Hochwasserrisiken. Letztere wurden im Rahmen des Teilprojektes "Verwundbarkeit" (vulnerability) im Fachbereich Sozialwissenschaften am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ.

Darin eingebettet waren Analysen der Risikowahrnehmungen und -konstruktionen der Bevölkerung sowie Vorsorgemaßnahmen und Bewältigungsstrategien in der Folge extremer Hochwasserereignisse auf lokaler Ebene. Von Interesse waren dabei insbesondere die Wechselbeziehungen von subjektiver Risikowahrnehmung und individuellen Vorsorgestrategien einerseits sowie der Bedeutung verschiedener sozialer Netzwerke während und nach einer Flut andererseits. In einem internationalen Vergleich zwischen Deutschland (Vereinigte Mulde), Italien (Adige/Etsch, Sarca und Tagliamento) und Großbritannien (Themse) Wissen über angemessene, akzeptierte und mögliche Vorsorgestrategien aus Perspektive der Betroffenen zu generieren und diese mit der Sicht von Entscheidungsträgern zu spiegeln. Dafür wurden Experteninterviews, Fokusgruppengespräche sowie insbesondere standardisierte Haushaltsbefragungen und Tiefeninterviews mit betroffenen Einwohnern durchgeführt. Die Untersuchungen des UFZ bezogen sich auf das Flussgebiet der Vereinigten Mulde, das im August 2002 von der so genannten "Jahrhundertflut" betroffen war. In den Gemeinden Eilenburg, Erlln und Sermuth fand im Dezember 2005 eine standardisierte Haushaltsbefragung zu den Themen Risikowahrnehmung, Betroffenheit durch das Hochwasser 2002 und dessen Folgen sowie Bewertung von privaten und öffentlichen Schutz- und Vorsorgestrategien statt (N=400). Zur Vertiefung einzelner Themenbereiche wurden in der Folgezeit zusätzlich leitfadengestützte Experten- und narrative Betroffeneninterviews durchgeführt.

Die empirische Untersuchung zeigte, dass eine beträchtliche Kluft zwischen der Darstellung des Hochwasserrisikos aus "Experten"-Sicht sowie ihren Forderungen nach einem integrierten Hochwasserrisikomanagement auf der einen Seite und den Sichtweisen der betroffenen Bevölkerung auf der anderen Seite zu konstatieren ist. Während "Experten" (Entscheidungsträger und auch Wissenschaftler) annehmen, dass die Öffentlichkeit am Hochwasserrisikomanagement teilnehmen sollte (und möchte) – z. B. in Form von Vorsorgemaßnahmen oder der Aufnahme von Informationen aus Hochwassergefahrenkarten –, ist einem Großteil der Bevölkerung diese Forderung nicht nur nicht bekannt, sie wird auch als ungebührend zurückgewiesen: Hochwasserschutz ist, so die vorherrschende Meinung, weiterhin eine öffentliche Aufgabe, und keine private. Das viel zitierte Paradigma "Hochwasserrisikomanagement" betrachten wir somit als große Herausforderung und eine Langzeitaufgabe, deren Umsetzung mit Gesetzeswerken und Direktiven nicht zu bewerkstelligen ist. Es gilt, die Betroffenen zu beteiligen und ihre Akzeptanz für den Übergang vom Hochwasserschutz zum Hochwasserrisikomanagement zu gewinnen. Auf der Basis unserer Untersuchungsergebnisse zu den Themen Risikobewusstsein, individuelles Verhalten und soziale Verwundbarkeit wurden Praxisempfehlungen formuliert, die darlegen, welche impliziten Annahmen in dem somit notwendigen Dialog zu berücksichtigen sind und wie dieser Dialogprozess ausgestaltet werden könnte.

Unsere Forschungspartner waren:

Flood Hazard Research Centre (FHRC), Middlesex University, London, Großbritannien

Programma Emergenze di Massa (PEM), Istituto di Sociologia Internazionale di Gorizia (ISIG), Gorizia, Italien


Ergebnisse/Veröffentlichungen

Task 11 (abgeschlossen):

Steinführer, Annett; Kuhlicke, Christian; De Marchi, Bruna; Scolobig, Anna; Tapsell, Sue; Tunstall, Sylvia (2009): Local Communities at Risk from Flooding: Social Vulnerability, Resilience and Recommendations for Flood Risk Management in Europe. Leipzig: Helmholtz Centre for Environmental Research - UFZ, 88 S. (mit einer deutschen und einer italienischen Zusammenfassung)
Task11_Broschuere_7-09 (11.3 MB)
Hinweis: Sie können diese Broschüre auch bei Annett Steinführer oder Christian Kuhlicke bestellen.

Kuhlicke C, Steinführer A, De Marchi B, Scolobig A (accepted), Risk Management, Participation and Public Perceptions. In: Jochen Schanze et al. (Hg.): Understanding Natural Disasters – Contribution to Risk in Europe. EU-Medin, Springer, Berlin, ca. 10 pp.

Steinführer A, Kuhlicke C, De Marchi B, Scolobig A, Tapsell S, Tunstall S (2008). Towards flood risk management with the people at risk: from scientific analysis to practice recommendations (and back). In: Samuels P, Huntington S, Allsop W, Harrop J (Eds.). Flood Risk Management: Research and Practice. CD-Rom. Leiden: CRC Press/Balkema, 945-955.


Kuhlicke C, Steinführer A (2007), Wider die Fixiertheit im Denken – Risikodialoge über Naturgefahren. Reaktion auf B. Merz, R. Emmermann (2006), Zum Umgang mit Naturgefahren in Deutschland: Vom Reagieren zum Risikomanagement, GAIA, 16/2, 91-92.

Kuhlicke C, Steinführer A (2006), Wie vorbereitet ist die Bevölkerung auf ein Hochwasserrisikomanagement? Lehren aus dem Hochwasser 2002. In: Jüpner R (Hg.), Beiträge zur Konferenz „Strategien und Instrumente zur Verbesserung des vorbeugenden Hochwasserschutzes“. Schriftenreihe des Instituts für Wasserwirtschaft und Ökotechnologie (IWO) der Hochschule Magdeburg – Stendal; 6, Shaker, Aachen, 45-53.