Standpunkt November 2012

Standpunkt: Boden – ein Tag macht noch keine Lobby

Am 5. Dezember begehen wir zum elften Mal den Tag des Bodens. Ins Leben gerufen wurde er seinerzeit durch die „International Union of Soil Science“ (IUSS) – überzeugt von der herausragenden Bedeutung der Böden für fast alles Leben auf der Erde und wahrscheinlich genauso verzweifelt über die Tatsache, dass diese Bedeutung einfach nicht gebührend in das Bewusstsein der Menschen zu bringen ist. Warum sonst wurden weltweit in den letzten Jahrzehnten wertvolle Böden in atemberaubendem Tempo versiegelt oder durch unangemessene Landnutzung der Erosion oder Versalzung geopfert. Dabei sind die Dienstleistungen, die von den Böden für Ernährung, Wasserqualität, Biodiversität und Klima erbracht werden, wissenschaftlich vollkommen unstrittig.

Prof. Dr. Hans-Jörg Vogel, UFZ

Prof. Dr. Hans-Jörg Vogel leitet am UFZ das Department Bodenphysik. Er studierte Agrarwissenschaften an der Universität Hohenheim und promovierte über die Struktur von Böden und die damit verbundenen Bodenfunktionen für Wasserhaushalt und Transportprozesse. Wasser- und Stoffflüsse im Boden sind auch seine aktuellen Forschungsschwer-punkte am UFZ.
e-mail: hans-joerg.vogel@ufz.de
Foto: André Künzelmann/UFZ

Aber Stück für Stück rückt der Boden auch auf den (forschungs) politischen Prioritätenlisten nach oben. Der internationale Tag des Bodens mag dazu einen kleinen Beitrag geleistet haben. Der wesentliche Schub kam jedoch eher (einmal mehr) aus der ökonomischen Richtung. Die Chinesen kaufen Boden in Afrika! – Wie bitte? Offensichtlich hatten sie die Kurve ihrer Bevölkerungsentwicklung über die der vorhandenen landwirtschaftlich nutzbaren Bodenflächen gelegt. Einer nachhaltigen Nutzung und dem nachhaltigen Schutz des Bodens muss allerdings der Boden im übertragenen Sinne noch bereitet werden. Seit 2006 wird in der EU über eine Bodenschutzrichtlinie debattiert, ohne wirklich zu Ergebnissen zu kommen. Neben Frankreich, Großbritannien und Österreich wird diese, von den meisten Mitgliedstaaten unterstützte Initiative vor allem von der deutschen Bundesregierung mit verschiedenen Argumenten nach wie vor blockiert: Eine EU-Bodenschutzgesetzgebung würde mangels Europabezugs gegen das Subsidiaritätsprinzip verstoßen, sie würde erhebliche administrative Lasten verursachen, ohne dass ein Kosten-Nutzen-Verhältnis ersichtlich wäre1. Dass Böden über die Rückkopplung mit Klima und sozioökonomischen Aspekten tatsächlich eine überregionale Bedeutung haben, steht zunehmend außer Frage. Ein Kosten-Nutzen-Verhältnis ist dagegen schwer zu ermessen. Während die Kosten einigermaßen abgeschätzt werden können, fehlen die Instrumente, um den Nutzen zu quantifizieren. Das Verhältnis wird damit beliebig bzw. wird von den jeweiligen Interessen bestimmt.

Dabei steht das deutsche Bodenschutzrecht im europäischen Vergleich gut da. Der vorsorgende Bodenschutz kommt aber auch hier noch zu kurz. So ist der Flächenverbrauch in Deutschland mit zirka 90 Hektar pro Tag (!) nach wie vor ungebremst. Es braucht wenig statistische Finesse um zu zeigen, dass Flächenverbrauch, zumindest heute noch, eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung korreliert ist – und letztere ist hierzulande eben heilig, während dem Boden die Lobby fehlt. Dieser Zusammenhang ist genauso schlicht wie für den Boden gefährlich. Eine Art „Stern-Report“ für den Boden könnte ein Augenöffner sein.

Neben der Politik ist aber auch die Wissenschaft gefordert. Nachhaltige Bodennutzung ist zwar einfach gesagt, aber wie lässt sich beurteilen, welche Störungen kritisch für den Erhalt der Bodenfunktionen sind und welche nicht? Dies ist ein fundamentales Problem, egal ob es um veränderte klimatische Bedingungen oder um direkte Eingriffe durch die Landnutzung geht. Die Schwierigkeit liegt dabei im komplizierten Wirkungsgefüge von physikalischen, chemischen und biologischen Prozessen, die eben das Wesen des Systems Boden ausmachen und die noch nicht wirklich verstanden sind. Böden haben dabei eine gewisse Elastizität und können sich von vielem auch wieder erholen. Ist jedoch eine kritische Schwelle überschritten, kann es sehr lange dauern (ein Vielfaches von Legislaturperioden) bis der Schaden behoben ist. Ein prominentes Beispiel für dieses nicht-lineare Verhalten ist die irreversible Bodenverdichtung nach Überschreitung einer kritischen Belastung. Ein anderes die Bodenerosion als Folge einer Gleichgewichtsstörung zwischen Humusgehalt, Bodenstruktur, Wasserhaushalt und Bodenbiologie.

Die Bodenforschung hat sich in den letzten Jahrzehnten außerordentlich gut entwickelt. Es stehen heute ganz neue Methoden zur Verfügung, um den aufs erste kaum sichtbaren Prozessen im Boden auf die Spur zu kommen. Auch wenn es unter den Wissenschaftlern kaum noch „Allroundbodenkundler“ gibt, die hier den Überblick bewahren könnten – es ist genau dieses Systemverständnis nötig, um die Nachhaltigkeit der Bodennutzung auf ein wissenschaftliches Fundament zu heben. Hier muss sich die Wissenschaft entsprechend organisieren. Ich wünsche dem Boden zu seinem Festtag weitsichtige Ökonomen, einsichtige Politiker und breitsichtige Wissenschaftler ohne Scheuklappen.
Prof. Dr. Hans-Jörg Vogel

 

1Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dorothea Steiner, Cornelia Behm, Harald Ebner, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Drucksache 17/8295 –

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