Prof. Dr. Angelika Zahrnt

Prof. Dr. Angelika Zahrnt, Ehrenvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)
Foto: André Künzelmann/UFZ

Prof. Dr. Angelika Zahrnt ist Ehrenvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), deren Vorsitzende sie von 1998 bis 2007 war. Die Volkswirtin und Systemanalytikerin ist seit 2001 Mitglied im Rat für nachhaltige Entwicklung, der die Bundesregierung berät. 2006 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz und 2009 den Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU für ihr Engagement zum Schutz der Umwelt. Seit Januar 2012 arbeitet Frau Zahrnt im Wissenschaftlichen Beirat des Projektes „Naturkapital Deutschland“(TEEB-Deutschland, siehe UFZ-Newsletter April 2012).


„Wir müssen uns vom Glauben an Grenzenlosigkeit verabschieden“


Sie haben 1996 und 2008 die Studien „Zukunftsfähiges Deutschland“ initiiert und damit Diskussionsprozesse über nachhaltige Entwicklung, Effizienz und Lebensstile angestoßen. 2010 haben Sie gemeinsam mit Irmi Seidl das wachstumskritische Buch „Postwachstumsgesellschaft“ herausgegeben. Sie sind überzeugt, dass wir mit weniger und intelligenteren Gütern auskommen müssen. Was muss passieren, damit diese Botschaft in Politik, Wirtschaft und Bevölkerung ankommt?
Wir diskutieren seit 40 Jahren über die Grenzen des Wachstums. Seit 20 Jahren reden wir über Nachhaltigkeit und fordern, dass sich Wirtschaft und Gesellschaft innerhalb ökologischer Leitplanken entwickeln. Seit 1992 gibt es eine Klimarahmenkonvention und ein Abkommen zum Schutz der Biologischen Vielfalt. Jetzt stehen wir kurz vor Rio+20 – und trotz aller Erkenntnisse, vielen guten Willens, neuer und besserer Technik und höherer Ressourceneffizienz ist uns kein echter Kurswechsel gelungen. Es ist zwar gelungen, einen Zuwachs der Wirtschaftsleistung mit geringerer Umweltbelastung zu erreichen. Aber nur relativ. Absolut ist die Belastung vorangeschritten – sowohl in den Industrieländern als auch in den Schwellenländern. Die Denkfigur, auf der wir bisher aufbauen – ein harmonisches Zusammenspiel von Ökonomie, Sozialem und Ökologie, funktioniert nicht. Im Konfliktfall wird fast immer zugunsten des ökonomischen Wachstums entschieden. Sei es beim Klimaschutz, beim Artenschutz, auf lokaler Ebene bei der Ausweisung von Gewerbegebieten oder bei der Einführung des Emissionshandels – letztlich zählt, dass das Wirtschaftswachstum nicht beeinträchtigt werden darf.

Aus dieser leidvollen Erfahrung, die ich auch in meinen 20 Jahren beim BUND gemacht habe, resultiert meine Überzeugung von einer Postwachstumsgesellschaft: Weg von der Priorisierung des Wirtschaftswachstums, mehr Flexibilität, um uns für ökologische Ziele entscheiden zu können, die im Zweifel auch einmal das Wirtschaftswachstum gefährden. Ich glaube aber nicht, dass es reicht, über neue Berechnungen des Indikators Bruttoinlandsprodukt (BIP) nachzudenken oder dem BIP weitere Indikatoren wie den ökologischen Fußabdruck, die Verteilung von Einkommen und Vermögen in der Gesellschaft oder einen subjektiven Faktor für das Wohlbefinden zur Seite zu stellen. Was wir brauchen, sind Veränderungen unserer gesellschaftlichen Systeme und unseres Lebensstils. Ein Beispiel: Mehr Medikamente und technische Möglichkeiten sind Wachstumstreiber im Gesundheitssystem. Sie führen aber zu höheren Kosten, die nur über ein wirtschaftliches Wachstum bezahlt werden können. Wäre es nicht viel besser, durch mehr Vorsorge - bessere Ernährung, mehr Bewegung, mehr Bildung – Kosten für teure Behandlungen zu sparen? Ein anderes Beispiel ist unser Konsumverhalten. Welches Produkt brauche ich wirklich? Können Produkte gemeinsam genutzt oder gemietet werden, wenn man sie benötigt. Das wäre ein Lebensstil der Suffizienz, bei dem nicht der Besitz, sondern die Nutzung von Produkten im Vordergrund steht. Eine solche Veränderung wird zwar als sympathisch wahrgenommen, aber de facto geht die Politik geht genau in die andere Richtung - weil eine Politik der Genügsamkeit das Wachstum verringern würde. Dieses Dilemma muss aufgelöst werden. Dazu benötigt man Konzepte und gute praktische Beispiele, wie Wirtschaft und Gesellschaft unabhängiger vom Wachstum werden können. Etwa, dass eine Arbeitszeitverkürzung zu mehr Lebensqualität führen kann, selbst wenn das Einkommen geringer ist. Das kann die allgemeine Bereitschaft zur Veränderung fördern.

Welche Rolle spielen dabei die Nicht-Regierungsorganisationen (non-governmental organisations, NGOs) wie der BUND, Greenpeace oder der WWF?
Als Volkswirtin bin ich überzeugt, dass sich auch Umwelt- und Naturschutzverbände verstärkt mit ökonomischen und sozialen Fragen auseinandersetzen müssen, wenn sie beim Umwelt- und Naturschutz erfolgreich sein wollen. Denn diese ökonomischen Argumente werden den Verbänden immer entgegengehalten – sei es bei der Einschränkung von Fischfangquoten oder beim Anbau von Biomasse. Bei unserer ersten Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ kurz nach Rio dachten wir noch: Wenn ökologische Grenzen erkannt werden, werden sich Wirtschaft und Politik schon danach ausrichten. Das war eine Fehleinschätzung. Die ökonomischen Interessen und das Wachstumsstreben waren stärker als die ökologische Einsicht. Wir wollen mit unserer Arbeit das Bewusstsein schärfen, dass wir uns von unserem Glauben an Grenzenlosigkeit verabschieden müssen. Und wir wollen mit unserer Verbraucherberatung über Produkte und Lebensstil auch ein Gegengewicht zur Werbung schaffen, die uns täglich einredet, was wir alles brauchen. Wir wollen die Konsumentensouveränität stärken. So klein der individuelle Bereich auch daherkommt, so wichtig ist er doch. Denn nur so wird hinterfragt, wachsen Bewusstsein und Bereitschaft, Forderungen an Politiker zu stellen.

Es heißt, sie haben das Vermögen des Verbands gefördert, die richtigen Fragen zur richtigen Zeit zu stellen und auch die richtigen Antworten zu haben. Woher nehmen BUND & Co das dafür notwendige Hintergrundwissen?
Wir kennen uns im politischen Geschäft ganz gut aus, nicht nur im tagesaktuellen. Wir haben einen wissenschaftlichen Beirat mit 20 Arbeitskreisen, in denen Positionen zu unterschiedlichen Themen erarbeitet werden. Der BUND ist im systemischen Denken geübt und darin, die richtigen Fragen in vernetzten, Themen übergreifenden und weltweiten Zusammenhängen mit einer langfristigen Perspektive zu stellen. Ein Beispiel: Als beim Klimaschutz die Begeisterung für Biomasse und Biosprit aufkam, waren wir gegen diese Euphorie. Wir haben Fragen gestellt: Woher kommt die Biomasse? Welche Flächen benötigen wir – hier bei uns und in der Dritten Welt? Auf wessen Kosten wird die Biomasse angebaut. Welche Folgen hat sie für die Biodiversität, die Nahrungsmittelproduktion, Böden und Gewässer? Wir haben auch die politischen Fragen gestellt: Wem nützt dieser Hype? Der Automobilindustrie, die dann keine grundsätzlich anderen Autos bauen muss? Der Politik, die sich nicht mit der Automobilindustrie anlegen muss? Zum anderen sind wir auch mutiger, als das vielleicht wissenschaftliche Organisationen sein können. Wir können Hypothesen aufstellen und vorläufige Antworten geben, die deutlich machen, wo bei den oft kurzfristigen Antworten der Politik die Fallstricke, Kosten und Nebenwirkungen sind. Natürlich muss das hinterher auch sorgsam wissenschaftlich untersetzt werden. Kreislaufwirtschaft, Energiewende, neue Leitbilder für die Wirtschaft und den Privatbereich – natürlich schöpfen wir dabei aus Wissenschaft und Forschung. Aber wir können oft nicht so lange auf präzise Antworten warten, wenn wir ein Thema auf die politische Agenda setzen wollen.

Was erwarten Sie dabei von Forschungseinrichtungen wie dem UFZ?
Wir arbeiten bei vielen Einzelfragen mit Forschungseinrichtungen wie dem UFZ zusammen.
Gemeinsame Projekte von Forschungseinrichtungen und NGOs sind immer ungemein produktiv. Sei es beim Gewässerschutz oder bei Kampagnen zum Schmetterlingsschutz, aus dem ja das erfolgreiche Tagfaltermonitoring des UFZ entstanden ist. Auch auf diesem Wege gelangen wissenschaftliche Erkenntnisse in eine breitere Öffentlichkeit. Ich wünsche mir, dass dieser Austausch verstärkt wird. Ich habe vorgeschlagen, eine Forschungsbörse einzurichten, bei der die Menschen in den Umwelt und Naturschutzverbänden kontinuierlich überlegen, zu welchen Fragen wir Forschung brauchen, um umweltpolitisch aktiver sein zu können, und Forscher erfahren, wo welche brennenden Probleme gelöst werden müssen. Themen, die praktisch relevant sind, die vielleicht Neuland sind, die aber auch gut in ein Forschungsprogramm passen. Das würde ich gerne zusammenbringen.
 

Helmholtz Environmental Lecture

HEL-Vortrag  Mai 2012

In ihrem Vortrag stellt Prof. Dr. Angelika Zahrnt die Frage, ob die Zeit reif für die Postwachstumsgesellschaft ist.