Pressemitteilung vom 8. Juli 2011

Gebietsfremde Arten nicht pauschal verharmlosen

Offener Brief von 141 Wissenschaftlern in Nature erschienen

London. In einen offenen Brief haben sich 141 Biologen dagegen gewendet, gebietsfremde Arten generell als ungefährlich abzutun. Damit reagieren die Wissenschaftler, zu denen auch Biologen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) gehören, auf einen Kommentar von 19 Wissenschaftlern um den US-Biologen Mark A. Davis, der kürzlich im Fachblatt Nature provokativ gefordert hatte, Tiere und Pflanzen nicht nach ihrer Herkunft zu bewerten. Dieser Kommentar hatte weltweit unter Ökologen eine heftige Debatte ausgelöst, wie mit gebietsfremden und invasiven Arten umzugehen sei. Die Öffentlichkeit müsse wachsam sein und weiterhin die vielen erfolgreichen Management-Bemühungen unterstützen, schreiben nun Biologen unter dem Titel "Gebietsfremde Arten: 141 Wissenschaftler protestieren" in der aktuellen Ausgabe von Nature.

Auch nützliche Arten müssten manchmal gemanagt werden, wenn sie negative Folgen für Ökosysteme hätten wie beispielsweise invasive Baumarten, die den Wasserhaushalt in Südafrika aus dem Gleichgewicht bringen können. Dazu zählt z. B. Eukalyptus aus Australien, dessen Holz verwendet wird.

Auch nützliche Arten müssten manchmal gemanagt werden, wenn sie negative Folgen für Ökosysteme hätten wie beispielsweise invasive Baumarten, die den Wasserhaushalt in Südafrika aus dem Gleichgewicht bringen können. Dazu zählt z. B. Eukalyptus aus Australien, dessen Holz verwendet wird.
Foto: Tilo Arnhold/UFZ

Nutzungsbedingungen Bildmaterial

Naturschutzbiologen und Ökologen sein nicht per se gegen nicht-heimische Arten, sondern nur dann, wenn diese Ökosysteme, Lebensräume oder Arten bedrohten und damit gegen die Konvention zur biologischen Vielfalt verstoßen würden. Auch von Kampagnen gegen alle neu eingeführte Arten könne keine Rede sein. Die begrenzten Ressourcen würden die Naturschutzmanager sowieso zwingen, sich auf wenige besonders problematische Arten zu konzentrieren. Außerdem würden die Invasionsbiologen und -manager den Nutzen, den bereits eingeführte Arten erbringen, nicht ignorieren. "Niemand will zum Beispiel den Weizen ausrotten", so der Sprecher der Gruppe, Daniel Simberloff von der University of Tennessee. Trotzdem müssten selbst nützliche Arten manchmal gemanagt werden, wenn sie negative Folgen für Ökosysteme hätten wie beispielsweise invasive Baumarten, die den Wasserhaushalt in Südafrika aus dem Gleichgewicht bringen können (z. B. Eukalyptus, dessen Holz verwendet wird).

"Während es für bestimmte ökologische Fragestellungen richtig sein kann, gebietsfremde und heimische Arten nicht zu unterscheiden (z. B. Welche Merkmale hat eine sich erfolgreich ausbreitende Art? Wie sind die Zusammenhänge zwischen Energieeffizienz und Größe?) und viele gebietsfremde Pflanzenarten derzeit unproblematisch sind, spielen Davis und Kollegen die schweren Auswirkungen der problematischen, nicht-heimischen Arten herunter, die möglicherweise erst Jahrzehnte nach ihrer Einführung auftreten können", befürchten Dr. Ingolf Kühn und Dr. Marten Winter vom UFZ. Ein Beispiel für diese zeitversetzten Invasionen ist der brasilianische Pfefferbaum (Schinus terebinthifolius), der sich in den Everglades von Florida stark ausgebreitet hat. In dem US-Bundestaat wird daher mit großem Aufwand versucht, diese Bereiche wieder davon zu befreien. Der Besitz oder die Pflanzung ist in Florida inzwischen strafbar. Arten, die nicht von selbst in Ökosysteme eingewandert, sondern vom Menschen eingebracht wurden, sollten daher sorgfältig beobachtet werden, schlussfolgern die Wissenschaftler in Nature.

Im Großen und Ganzen befürworten die Wissenschaftler jedoch die offen geführte Diskussion, da nur durch ständigen Diskurs wissenschaftliche Konzepte und Ideen hinterfragt, modifiziert und neu entwickelt werden und so der wissenschaftliche Fortschritt vorangebracht werden kann.

Zu den Unterzeichnern des offenen Briefes gehören viele Forscher, die im EU-Projekt DAISIE (Delivering Alien Invasive Species Inventories for Europe) in den vergangenen Jahren zum ersten Mal für die Länder Europas alle bekannten gebietsfremden Arten erfasst hatten. Über 11.000 nicht heimische Arten wurden dabei insgesamt in Europa erfasst. Am Projekt waren Forschungseinrichtungen und Organisationen aus 15 Nationen beteiligt, darunter auch das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).
Tilo Arnhold

Weitere Informationen

Dr. Ingolf Kühn, Dr. Marten Winter
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Telefon: 0345-558-5311, -5316
Dr. Ingolf Kühn
Dr. Marten Winter

oder

Tilo Arnhold (UFZ-Pressestelle)
Telefon: 0341-235-1635
presse@ufz.de

Publikation

Daniel Simberloff et al. (2011): Non-natives: 141 scientists object. Nature 475, 36. doi: 10.1038/475036a.
www.nature.com/nature/journal/v475/n7354/full/475036a.html
www.nature.com/nature/journal/v475/n7354/extref/475036a-s1.pdf

Mark A. Davis et al. (2011): Don't judge species on their origins. Nature 474, 153-154. doi:10.1038/474153a
www.nature.com/nature/journal/v474/n7350/full/474153a.html

Weiterführende Links

DAISIE-Datenbank zu gebietsfremden Pflanzen und Tieren in Europa
www.europe-aliens.org

EU-Strategie zur Bekämpfung invasiver Arten
ec.europa.eu/environment/nature/invasivealien/index_en.htm

Globalisierung belastet kommende Generationen mit biologischen Invasionen (Pressemitteilung vom 20. Dezember 2010):
www.ufz.de/index.php?de=20893

Europas Pflanzenwelt verarmt - Damit kann die Fähigkeit sinken, auf Umweltveränderungen zu reagieren (Pressemitteilung vom 8. Dezember 2009):
www.ufz.de/index.php?de=19137

Ökologen bringen Preisschilder bei invasiven Arten an - Forschung zeigt Kosten der Schäden an Ökosystemen auf (Pressemitteilung vom 22. April 2009):
www.ufz.de/index.php?de=18001

11.000 nicht-einheimische Arten erobern Europa (Pressemitteilung vom 21. November 2008):
www.ufz.de/index.php?de=17394

Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg ungefähr 1.000 Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie sowie Luftfahrt, Raumfahrt und Verkehr. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit über 30.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 17 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 3 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

Kontakt

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Sekretariat
Tel. 0341 235 1269
info@ufz.de

Presse/Print

Susanne Hufe (Leitung)
Tel. 0341 235 1630

Tilo Arnhold (Mo-Mi)
Tel. 0341 235 1635

presse@ufz.de