Herausforderung Programmforschung

Konzeption, Organisation und Evaluation problemorientierter Umweltforschung

Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften sind gefordert, an der globalen Aufgabe der Sicherung natürlicher Lebensgrundlagen mitzuwirken – durch Aufzeigen von Problemstrukturen und gangbaren Lösungswegen. Innerhalb des traditionellen Wissenschaftsbetriebes bestehen dabei beträchtliche Schwierigkeiten. Da „die Probleme uns nicht den Gefallen tun, sich selbst disziplinär oder gar fachlich zu definieren, bedarf es besonderer Anstrengungen, die in der Regel aus den […] Disziplinen herausführen“ (Jürgen Mittelstraß). Große Forschungseinrichtungen, wie die Helmholtz-Gemeinschaft, antworten darauf mit der Umstellung der Forschungsförderung von der Förderung von Institutionen zur Förderung von disziplinübergreifenden Programmen, mit dem Ziel Spitzenforschung hervorzubringen, die wesentlich zur Lösung großer und drängender Probleme von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft beiträgt. Im Jahre 2003 hat das UFZ – Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle GmbH zusammen mit der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) im Rahmen des Helmholtz-Forschungsbereichs „Erde und Umwelt“ das Programm 5 „Nachhaltige Nutzung von Landschaften“ (P5) einem international und interdisziplinär besetzten Gutachtergremium vorgelegt und sich darin verpflichtet hochwertige interdisziplinäre und transdisziplinäre Forschung durchzuführen. Dieses Programm wurde von den Gutachtern als fruchtbar und förderungswürdig eingeschätzt. Angesichts der Neuartigkeit des dort dargelegten Forschungsansatzes wurde gleichzeitig der Auftrag erteilt, Kriterien und Verfahren zu erarbeiten, die zur Evaluation integrativer interdisziplinärer Programm-Forschung „beyond citation index“ geeignet sind. Dieser Auftrag war der unmittelbare Anlass für dieses Projekt, das in einer interdisziplinären Arbeitsgruppe aus den Departments Ökonomie, Umwelt- und Planungsrecht sowie Stadt- und Umweltsoziologie bearbeitet wurde.

Es stellte sich bald heraus, dass eine Zusammenstellung und eventuelle Erweiterung von bereits erprobten Prinzipien, Beurteilungskriterien und Indikatoren für wissenschaftliche Qualität nicht hinreichend sein würde, um diesen Auftrag zu erfüllen. Entsprechend der Neuartigkeit des Forschungsansatzes des Programms „Nachhaltige Nutzung von Landschaften“ ging es darum, Maßstäbe für die Beurteilung der zugehörigen Forschungen aufzustellen, wie sie in den bisher üblichen Evaluationen disziplinärer Forschung nicht gefunden werden konnten. Auch die seit Anfang der 1990er Jahre entwickelten Verfahren zur Evaluation interdisziplinärer Forschung im Bereich der Sozialökologie konnten nicht einfach übernommen werden: Zugeschnitten auf kleinere Forschungsinstitute mit jeweils sehr besonderen Bedingungen waren sie nicht unmittelbar übertragbar auf große Forschungszentren, deren Forschungen internationales Spitzenniveau erreichen sollen.

Die Aufgabenstellung führte zudem auf Überlegungen von grundsätzlicher Bedeutung für den gesamten Bereich von Programmforschung und ging daher über den Rahmen einer Einrichtung wie der des UFZ hinaus. Kriterien und Maßstäbe für die Beurteilung der Qualität programmorientierter Umweltforschung mussten in den Horizont der aktuellen Auseinandersetzungen über Wissenschaftlichkeit, Wissenschaftspolitik und angemessene Evaluationsverfahren gestellt werden. Die Charakteristika des Programms „Nachhaltige Nutzung von Landschaften“ dienten dabei – nach Einordnung in die gegenwärtige Wissenschaftslandschaft – als Kriterien zur Beurteilung einer derartigen programmorientierten Umweltforschung. Zudem war zu klären, wie und in welchen Verfahren und Prozessen diese Kriterien konkret anzuwenden und welche Anforderungen an die Gutachter zu stellen sind, die anhand der Kriterien zu einer angemessenen Beurteilung der Forschungsleistungen gelangen sollen.

Zunächst wurden drei Diskussionspapiere verfasst, die verschiedene Aspekte der Evaluation interdisziplinärer Programm-Forschung thematisierten und auf die speziellen Herausforderungen des Programms 5 „Nachhaltige Nutzung von Landschaften“ und auf die besonderen Gegebenheiten des UFZ zugeschnitten sind. Angesichts der grundsätzlichen Bedeutung der Ergebnisse für den gesamten Bereich von programmorientierter Forschung und die gegenwärtigen Auseinandersetzungen über Wissenschaftlichkeit, Wissenschaftspolitik und angemessene Evaluation von wissenschaftlicher Forschung und Forschungseinrichtungen wurden die Diskussionspapiere für die breitere wissenschaftlichen Öffentlichkeit überarbeitet und als Buch (Inhaltsverzeichnis) veröffentlicht.

Nach der Einleitung (Kapitel 1) werden in Kapitel 2 (Neue Rahmenbedingungen der Wissenschaft – Stellung und Aufgaben problemorientierter Umweltforschung) der wissenschaftstheoretischen und wissenschaftspolitischen Hintergrund sowohl für die Entstehung von P5 als auch für die sich daraus ergebenden Probleme der Evaluation beschreiben und analysiert. Es liefert eine kondensierte Darstellung relevanter Diskussionen auf der Basis der jüngeren wissenschaftstheoretischen und wissenschaftspolitischen Debatte unter besonderer Berücksichtigung von theoretischen und praktischen Beiträgen zur Evaluation interdisziplinärer, integrativer Umweltwissenschaft. Mit Hilfe dieser Überlegungen ist es möglich, P5 und die Arbeit des UFZ in der gegenwärtigen Forschungs- und Evaluationslandschaft zu verorten.

Buchcover

Buchcover Programmorientierte Förderung

Projektbeteiligte

Bernd Hansjürgens
(Department Ökonomie)

Bernd Klauer
(Department Ökonomie)

Reiner Manstetten
(Department Ökonomie)

Johannes Schiller
(Department Ökonomie)

Philipp Steuer
(Department Stadt- und Umweltsoziologie)

Herwig Unnerstall
(Department Umwelt- und Planungsrecht)

Heidi Wittmer
(Department Ökonomie)